Was Heuschrecken schrecklich macht

30. Jänner 2009, 09:53
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Der Botenstoff Serotonin macht aus einsam lebenden Wanderheuschrecken gefährliche Gruppenwesen

Cambridge/Washington - Bereits im Alten Testament haben sie es zu einer der zehn biblischen Plagen gebracht. "Sie fraßen alles, was im Lande wuchs, und ließen nichts Grünes übrig an den Bäumen und auf dem Felde in ganz Ägyptenland", heißt es im zweiten Buch Mose. Bis heute tauchen Heuschreckenschwärme insbesondere in Afrika buchstäblich aus dem Nichts auf, fressen alles kahl, was sich ihnen an Grünzeug in den Weg stellt - und können auf eine Größe von mehr als eine Milliarde Tieren anwachsen.

Das entspricht einem Gesamtgewicht von 1500 Tonnen, und genau diese Menge ist es auch, die ein Schwarm von dieser Größe an pflanzlichem Material täglich vernichtet. Aufgrund ihrer kollektiven Unersättlichkeit haben es die gefräßigen Insekten zur Metapher für die bösen Kapitalisten gebracht: SPD-Vorsitzender Franz Müntefering bezeichnete Private-Equity-Funds 2004 als "Heuschreckenschwärme, die Unternehmen kaputtgehen lassen, wenn sie sie abgefressen haben" und machte die Insekten auch jenseits der Biologie zum geflügelten Wort.

Dabei sind die Afrikanischen Wüstenheuschrecken (Schistocerca gregaria) an sich völlig harmlose und extrem ungesellige Einzelgänger, die sogar erhebliche Scheu haben, mit Artgenossen in Kontakt zu treten. Wenn sie allerdings zu wenig Futter finden, können sie ins Schwärmen geraten. Und dann verändern sich die Tiere auch äußerlich so sehr, dass die Forschung bis 1921 von zwei verschiedenen Arten ausging.

Ursachen der Verwandlung

Wie aber kommt es dazu, dass die solitär lebenden grünen Heuschrecken sich in bräunliche kollektive Plagegeister verwandeln? Bislang wusste man nur, dass das Schwarmverhalten ausgelöst wird, wenn die Tiere mit den Hinterbeinen ihre Artgenossen kitzeln.

Nun fand ein internationales Forscherteam heraus, dass der Nerven-Botenstoff Serotonin bei der Transformation der Insekten eine entscheidende Rolle spielt, wie die Wissenschafter um Michael Anstey von der Universität Oxford im US-Fachjournal Science (Bd. 323, S. 627) berichten.

Serotonin ist in allen mehrzelligen Lebewesen vorhanden. Beim Menschen gilt es als das "Glückshormon" schlechthin und wird auch als Anti-Depressivum eingesetzt. Bei den Heuschrecken führt die kitzelnde Berührung mit den Hinterbeinen zu einem Anstieg des Serotoninspiegels gleich um das Dreifache. Und wie die Forscher in mehreren Experimenten (Injektionen mit Serotonin-Hemmern in kollektiven Tieren, Verabreichung von Serotonin in solitären Tieren) bestätigen konnten, ist der Botenstoff verantwortlich für die Insekten-Metamorphose.

"Seit fast 90 Jahren hat die Wissenschaft darüber gerätselt, nun kennen wir die Antwort", sagt Michael Anstley. Wie diese Entdeckung zur Abwehr der biblischen Plagegeister beitragen kann, muss sich aber erst noch weisen. Injektionen mit Serotoninhemmern sind wohl eher nicht praktikabel. (Klaus Taschwer, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30. Jänner 2009)

  • Dr. Jekyll and Mr. Hyde in Insektenform: Steigt bei Wanderheuschrecken
der Serotoninspiegel, verwandeln sie sich von ungeselligen
Einzelgängern (rechts) in gefährliche Gruppenwesen (links).
    foto: tom fayle

    Dr. Jekyll and Mr. Hyde in Insektenform: Steigt bei Wanderheuschrecken der Serotoninspiegel, verwandeln sie sich von ungeselligen Einzelgängern (rechts) in gefährliche Gruppenwesen (links).

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