In einen politischen Aschermittwoch

8. August 2003, 21:41
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... mit Ilse Aichingers 62. Unglaubwürdiger Reise

Ob die unglaubwürdigsten Reisen weit zurückliegen oder noch lang bevorstehen, ist am Aschermittwoch leichter abzuwarten als in den Wochen davor.

Der März wurde früher einmal - und wird es wohl wieder, wenn diese Regierung sich selbst lange aussitzt - in unerträglich klerikalem Stil "der Josefsmonat" genannt. Kühl, regnerisch, unbeständig, verspricht er weniger als April oder Mai. Das Aschenkreuz - jedem, der sich darauf einließ, auf die Stirne gezeichnet - blies der Märzwind immer rasch in den windigen Himmel.

"Wo geht's hier zur Demo?" fragt der Falter im Wien-Teil. Demonstrationen gegen den Irakkrieg wirken im Augenblick entschlossener als die gegen Schwarz-Blau.

Es war Fasching. Gerhard Fritsch hat seinen Roman über die Vernichtung eines Deserteurs in Österreich so genannt. Es hat sich nichts geändert, auch am Fasching selbst nicht: Ich zumindest werde die Aversion gegen rote Pappnasen oder "Kliniclowns" an den Betten sterbender Kinder so wenig los wie die Schrecken erzwungener Lustigkeit.

Vor langem, vor genau 52 Jahren, bekam ich in Frankfurt Lust auf den Kölner Fasching, borgte mir im Lektorat des S.-Fischer-Verlags von Klaus Wagenbach eine karierte Weste und fuhr allein nach Köln. Hier musste der Frohsinn authentisch sein, dachte ich. Aber wer zu gezielt Authentizität verlangt, landet rasch im toten Winkel ihrer hoffnungslosen Vergröberung. Die Narrheit geriet keinen Augenblick lang in den Abgrund, in dem sie unauffällig und geschützt ist. Ich floh an den Niederrhein, wo die Landschaft flach, still und weniger beteiligt ist und nicht nach zu viel Lustigkeit verlangt.

Schon früh war für mich Niedrigkeit verlockend, ob in Niederbayern, am Niederrhein und selbst in Niedersachsen. Von der Lustigkeit trennt die niederen Landschaften fast alles. Im Unterschied zu den Alpentälern und zur Wiener Lustigkeit. Solange man nicht auf Nestroy zurückgreift, der in Graz gestorben ist und in Wien schlecht gespielt wird.

Jedes Spektakel ist am Aschermittwoch für einen Weile vorbei. Bleibt für den Augenblick nur Das Lächeln einer Sommernacht in den Breitenseer Lichtspielen oder Die Wildente im Stadttheater Klagenfurt. Alles noch immer unter unserem Himmel, aber ziemlich weit darunter. Wie das Kino in Oberpullendorf, das im frühen März vorsichtig genug ist und heute spielfrei bleibt. (DER STANDARD, Printausgabe, 7.3.2003)

Die nächste "unglaubwürdige Reise" wird am kommenden Freitag angetreten.
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