"Das Angebot an Öl ist riesig"

7. März 2003, 13:03
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Für einen Irakkrieg spielt Öl nur eine beschränkte Rolle, sagt Fadhil Chalabi vom Londoner Zentrum für globale Energiestudien im STANDARD-Interview

DER STANDARD: Haben die Kriegsgegner Recht, die sagen: "Kein Blut für Öl"?

Chalabi: Nicht ganz. Nach meiner Ansicht spielt Öl keine große Rolle in den US-Kriegsbestrebungen gegen den Irak. Es gibt sehr viele Ölreserven in der Welt. Außerdem wäre Saddam Hussein glücklich, Amerika mit so viel Öl zu beliefern, wie sie haben möchten, um im Gegenzug seine Macht zu behalten.

Dennoch gibt es ein Motiv, das irakisches Öl für die Amerikaner sehr interessant macht. Seit den Terroranschlägen vom 11. September, durch die die Instabilität Saudi-Arabiens offensichtlich geworden ist, ist die Suche nach alternativen Ölquellen dringlicher geworden. Die globale Wirtschaft ist in hohem Maße abhängig von dem weltweit wichtigsten Ölexporteur Saudi-Arabien. Die Saudis besitzen die größten Ölreserven der Welt. Außerdem ist es das einzige Land mit Überschusskapazität, um etwaige Lieferunterbrechungen abzufangen.

Allerdings wächst dort der islamische Fundamentalismus unaufhaltsam. Seit dem 11. September gibt es große Befürchtungen vor einem Desaster am Weltmarkt, wenn fundamentalistische Kräfte sich des saudischen Öls bemächtigen. Global gesehen ist der Irak mit seinen 112 Mrd. Barrel Öl das einzige Land, das eine gleichwertige Alternative zu Saudi-Arabien ist.

Unter günstigen Umständen kann der Irak in sechs Jahren seine Produktion bis auf acht Mio. Barrel täglich herauffahren. Irak hat Ölreserven von weiteren 200 Mrd. Barrel, die noch nicht gefördert oder gefunden worden sind. Durch die Kriege, die Saddam in den letzten zwanzig Jahren geführt hat, ist die Ölförderung völlig ins Hintertreffen geraten.

DER STANDARD: Wie bewerten Sie das Argument, dass irakisches Öl die Weltmarktpreise drückt?

Chalabi: Mit oder ohne den Irak unterliegt der Ölpreis in den nächsten Jahren starkem Druck nach unten. Die globale Nachfrage ist insgesamt schwach. Andererseits gibt es viele neue Kapazitäten in Russland, Westafrika und dem Golf von Mexiko. Sogar innerhalb der Opec gibt es ansteigende Kapazitäten in Nigeria, Algerien und Iran. Das Angebot ist riesig.

Durch den Irak würde das ohnehin bereits bestehende Problem der Überkapazitäten noch größer werden. Aus wirtschaftlicher Sicht sind geringere Ölpreise natürlich sehr willkommen. Doch ist die Situation etwas komplizierter. Durch niedrige Preise werden Investitionen in die Ölindustrie außerhalb der Golfregion unwirtschaftlich. Ein Preis von etwa zwölf US-Dollar wäre das Ende aller Investitionen außerhalb der Golf-Staaten.

Sogar die Investitionen in alternative Energieträger wie Gas würden unrentabel. Damit gilt, dass zu hohe Ölpreise der Weltwirtschaft schaden, doch fördern sie Investitionen außerhalb der Golfstaaten. Durch niedrige Ölpreise gäbe es keine Diversifikation, die Abhängigkeit von Öl aus der hoch instabilen Golfregion würde übermächtig. Damit macht das Opec-Preisband von 22 bis 28 US-Dollar Sinn.

DER STANDARD: Wie wird irakisches Öl den Weltmarkt verändern?

Chalabi: Aufgrund der massiven Verschuldung kann Saudi-Arabien nicht mit einem Ölpreis unter 24 US-Dollar leben. Langfristig ist diese Preispolitik nicht in deren Interesse, weil sie damit Marktanteile verlieren. Doch schert sich die saudische Regierung traditionsgemäß nicht um Probleme, die in ferner Zukunft liegen. Nach Ablauf von sechs Jahren wird der Irak voraussichtlich acht Mio. Barrel Output erreichen, Saudi-Arabien hat bis dahin 10,5 Mio., Nigeria 4,5 Mio. täglich. Dann stellt sich die Frage, wie die Opec bei diesem massiv gestiegenen Angebot die Preise halten will.

Meiner Ansicht nach wird es zwei Phasen geben. Die erste dauert rund zwei Jahre: Der Irak wird seine Ölindustrie rehabilitieren und seine Produktion auf 3,5 Mio. Barrel täglich erhöhen. Das entspricht der Kapazität vor dem ersten Golfkrieg von 15 Prozent der gesamten Opec-Förderung. Dieser Marktanteil wird kein Problem sein. Die leicht steigende Nachfrage nach Opec-Öl kann diese zusätzliche Kapazität auffangen.

Anders die zweite Phase, wenn der Irak sechs Mio. Barrel täglich erreicht. Dies lässt sich nicht durch Nachfragezuwächse und Outputverminderungen absorbieren. Der Irak braucht dringend Geld. Besteht das Land auf dieser Fördermenge, muss ein anderer seine Produktion zurückschrauben. Theoretisch kann das niemand in der Opec tun. Damit fielen die Preise unter 14 Dollar. Dann stellt sich die Frage: Werden die USA das akzeptieren? Wahrscheinlich werden die USA Druck auf den Irak und die anderen Opec-Mitglieder ausüben, um zur alten Ordnung zurückzukehren. Je nachdem, wer die besten USA-Beziehungen hat, wird dabei am wenigsten zurückstecken müssen.

DER STANDARD: Was halten Sie von den Drohungen des malaysischen Premierministers Mahathir, Öl als Waffe gegen den Westen einzusetzen?

Chalabi: Das ist reine Rhetorik und hat keine Bedeutung, weil wichtige Opec-Mitglieder nicht darauf eingehen werden. Die haben schlechte Erinnerungen an die Folgen ihres Ölboykotts von 1973. In der Folgezeit haben sie massiv an Marktanteilen verloren. Das möchten sie nicht noch einmal riskieren. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 7.3.2003)

Das Gespräch führte Heike Kreutz-Arnold.
  • Fadhil Chalabi, früher stellvertretender Opec-Generalsekretär und Staatssekretär im irakischen Ölministerium, ist heute Leiter des Londoner Thinktanks Centre for Global Energy Studies.
    foto: der standard

    Fadhil Chalabi, früher stellvertretender Opec-Generalsekretär und Staatssekretär im irakischen Ölministerium, ist heute Leiter des Londoner Thinktanks Centre for Global Energy Studies.

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