Rückschlüsse auf Erdbesiedelung durch Bakterium

9. März 2003, 11:00
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Ergebnisse aus der Untersuchung von Helicobacter pylori-Stämmen umstritten

Berlin/Washington - Ein kleiner Magenkeim namens Helicobacter pylori kann nicht nur Geschwüre hervorrufen, sondern zeigt Forschern auch die Wanderbewegungen unserer Vorfahren auf. Weil H. pylori, so seine offizielle Abkürzung, den Magen eines jeden zweiten Erdenbürgers besiedelt, hat ein internationales Forscherteam mit Hilfe genetischer Analysen Aufschlüsse über die Besiedelung der Erde in den vergangenen 10.000 Jahre gewonnen.

So verfolgte es auch die Wege der sibirischen Vorfahren der Indianer über die Beringstraße nach Amerika. Die Forscher vom Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin und der Universität Würzburg präsentieren die Studie im US-Journal "Science" (Bd. 299, S. 1582) vom Freitag.

Zusammen mit Kollegen aus den USA und Frankreich entschlüsselten sie die Gene von H. pylori in 27 Menschengruppen unterschiedlicher Herkunft. Sie teilten die Bakterien in sieben genetisch verschiedene H. pylori-Hauptgruppen ein, die sich in den verschiedenen Erdregionen entwickelt hatten.

Entwicklung

H. pylori wird vor allem innerhalb von Familien weitergegeben und breitet sich nicht epidemisch aus. So entwickelten sich H. pylori-Gruppen während der Wanderung der sibirischen Vorfahren der Indianer nach Amerika oder der Jahrtausende langen Isolation der Menschen in Polynesien. Treffen jedoch verschiedene Bakterienstämme im Magen eines Menschen aufeinander, können sie ihr Erbgut austauschen. Daher tragen die heute in Europa lebenden H. pylori-Stämme das Erbgut von zwei alten Populationen in sich, die unabhängig voneinander mit dem Menschen aus Zentralasien und dem Nahen Osten kamen. Auch die Auswanderung der Europäer nach Amerika und der Sklavenhandel lässt sich durch Spuren im Erbgut der Bakterien-Gruppen nachweisen.

Kritik

Doch wie weit die H. pylori-Ergebnisse reichen, um Migrationen nachzuvollziehen, ist umstritten. Der Infektiologe Brian Spratt vom Imperial College London schreibt in einem Kommentar für "Science", dass der Keim dann Aussagen über Migration zulässt, wenn die ausgewanderte Population relativ isoliert bleibt, wie beispielsweise in Polynesien. Wenn sich Populationen jedoch rasch mischen, sei die Lage weniger klar.

Auf einem anderen Gebiet aber könnten die Daten fruchtbar sein. H. pylori gilt als Hauptursache für Magengeschwüre und -krebs. Aus früheren Untersuchungen sei bekannt, das bestimmte H. pylori-Gene die Virulenz des Erregers erhöhen, erläuterte Mark Achtmann vom Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie. Ob diese Gene auch geographisch unterschiedlich stark verbreitet sind, möchten die Forscher noch prüfen. Diese genetischen Unterschiede könnten die Effizienz von Behandlungen mit Antibiotika beeinflussen und müssten bei der künftigen Entwicklung eines Impfstoffs gegen H. pylori in Betracht gezogen werden, schreibt die Max-Planck-Gesellschaft. Wenn H. pylori mit einem Antibiotikum aus dem Magen entfernt wird, sinkt das Magenkrebsrisiko rapide. (APA/dpa)

  • Es geht ein Erreger auf Reisen ...
    montage: derstandard.at

    Es geht ein Erreger auf Reisen ...

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