"Lernen fürs Leben" bei "Unter Kontrolle"

6. März 2003, 11:31
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Letzte Folge der Dokumentarfilmreihe am 12.3. im Wiener Filmhauskino - Vorschau: "Die unmögliche Liebe"

Wien - "Lernen fürs Leben" lautet das Thema der letzten Folge der Dokumentarfilmreihe "Unter Kontrolle" kommenden Mittwoch (12.3.) im Wiener Filmhauskino. Auf dem Programm der von der Plattform "Kinoreal" kuratierten Reihe stehen mit Frederick Wisemans "Missile" (19 Uhr) und Harun Farockis "Leben BRD" (21.30 Uhr) zwei "Klassiker" des Dokumentarfilms, flankiert von zwei experimentellen Kurzfilmen der deutschen Filmemacherin Anke Limprecht.

Ethos und roter Knopf

Frederick Wisemans "Missile" (USA 1988, 120 min) zeigt nüchtern und kommentarlos, wie männliche und weibliche Luftwaffenkadetten im Umgang mit nuklearen Interkontinentalraketen geschult werden: Höfliche, reflektierte Männer und Frauen, großteils AkademikerInnen, die sich bei einer Tasse Kaffee im Plauderton über den mehrfachen Overkill, die historische Bedeutung des Holocaust und die Wichtigkeit ethischen Verhaltens am "roten Knopf" unterhalten.

Vorbereitungskurse

Harun Farockis "Leben BRD" (D 1990, 83min) ist einer der umstrittensten Filme des deutschen Filmessayisten: Im Jahr der "Wende" hat Farocki in mehr als einem Dutzend Episoden die Bundesrepublik und ihre Maßnahmen zur Verhinderung des sozialen Ernstfalls vermessen. Gut 20 Jahre nach den Notstandsgesetzen der 70er Jahre fand er eine Gesellschaft vor, in der vom Geburtsvorbereitungskurs über Vorstellungsgesprächs-Coaching für Langzeitarbeitslose bis zur perfekten Darbietung beim Striptease keine Situation unvorbereitet bleibt.

Lakonik in Schwarzweiß

Anke Limprecht zeigt in zwei lakonischen Schwarzweiß-Studien, wie die Bürokratie eines Staates Geschichte verwaltet. "Maßnahmen des Bundesverwaltungsamtes zum Schutz von Kulturgut" (2002) demonstriert, wie der Kanon nationalen Kulturerbes auf Mikrofilm kopiert und, in stählerne Kapseln verschlossen, in lichtlosen unterirdischen Stollen der Ewigkeit übergeben wird (19.00 Uhr).

Im "Lehrfilm über die Rekonstruktion von Stasiakten" (2000) versuchen MitarbeiterInnen der Gauck-Behörde wie Archäologen aus Bergen zerrissener Stasi-Akten das Puzzle der Vergangenheit lesbar zu gestalten (21.30 Uhr). Die deutsche Filmemacherin wird bei beiden Vorstellung anwesend sein.

Theorie und Diskusssion

Am 13. März findet im Depot noch eine abschließende Diskussionsveranstaltung zu den Themen der Filmreihe statt. Anke Limprecht, Vrääth Öhner (Medientheoretiker, A), Peter Grabher (Kinoki, A) und Siegfried Mattl (Institut f. Zeitgeschichte, Univ. Wien, angefragt) diskutieren über die Krise der Institutionen und ihre Bilder im dokumentarischen Film.

Affekte

Im Herbst wird die Dokumentarfilmreihe wieder mit mindestens zwei Filmen an einem Abend pro Monat fortgesetzt. Unter dem Titel "Die unmögliche Liebe" geht es um das dem Dokumentarfilm eher fremde Gebiet der Affekte. Zuvor, von 9. bis 15 Mai, veranstaltet "Kinoreal" in Kooperation mit der Viennale eine groß angelegte Personale des deutschen Dokumentarfilmers und Theatermannes Thomas Heise im Stadtkino. (APA)

Service

"Kinoreal" zum Thema "Lernen fürs Leben" am 12.3. im Filmhaus am Spittelberg, 7., Spittelberggasse 3, Tel. 01/522 48 16,

Link

kinoreal.at

  • "Leben BRD"
    foto: kinoreal

    "Leben BRD"

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