Wie Mandarina lernte, die Bombe zu lieben

12. März 2003, 16:40
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Schablonen des Schreckens auf Textilien: wie das Bild der Madonna mit Gasmaske dem naiv-direkten Peace-Logo der Hippies nachfolgt. Von Thomas Rottenberg

Irgendwann, es war im Herbst, hat jemand eine kleine Flasche an die Hauswand in der Wiener Gumpendorfer Straße gepickt. Und in die Flasche dann Blumen gesteckt. Nicht nur ein Mal, sondern immer wieder. "Ich habe mich wahnsinnig gefreut", sagt Mariana Brausewetter. "Weil das doch zeigt, dass nicht nur ich so empfinde." Über der Blumenflasche lächelt nämlich eine Madonna gütig von der Wand. Obwohl: Ob Maria wirklich gütig lächelt, kann man nicht so genau sagen - die Muttergottes trägt eine Gasmaske.

Wenige Straßenecken weiter hat der vermutlich selbe unbekannte Sprayer noch einmal Schablone und schwarze Farbe aus der Tasche gezogen: Ein Mädchen umarmt eine Bombe. "Love is in the Air" steht daneben. "Natürlich sind solche Botschaften plakativ. Deshalb tun sie ja auch weh. Offensichtlich nicht nur mir."

Denn - und darauf legt die 36-jährige Industriedesignerin, die stets unter dem Künstlernamen "Mandarina" arbeitet, großen Wert - nicht nur Blume und Flasche sind nicht von ihr: Auch für die Wandgemälde zeichnet jemand anderer verantwortlich. Obwohl exakt diese Sujets auf T-Shirts, Tops, Röcken und (demnächst) Hosen zu finden sind, mit denen die ehemalige Art-Directorin der Wienerin seit Herbst über diverse Szeneläden ihr Zweifeln und Verzweifeln an der Welt und deren Bewohnern publik macht: Das Motiv mit der Bombe stammt vom britischen Kult-Graffitikünstler Banksy (www.banksy.co.uk) und ist über halb Europa verbreitet.

Die Muttergottes im Giftgas-Outfit hat Brausewetter selbst entworfen. Dass das Motiv kopiert wird, sei eine Ehre. Und Zeichen für ein wohl weiter verbreitetes Unbehagen. "Wenn ich ,Habt euch doch bitte alle lieb' schreiben würde, würde das höchstens belächelt werden. Gerade von Leuten, die die Dualität meiner Bilder verstehen." Über ein Kind mit Schmetterlingsnetz, das einen Himmel voller Bomber anschaut ("no more butterflies"), über einen Soldat, der sich aus einem Hubschrauber abseilt ("mich schickt der Himmel") oder eine Bomberstaffel ("quo vadis?") lacht aber niemand.

Genauso wenig wie über all die anderen, schroffen, auf schablonenkompatible Schwarz-Weiß-Strukturen reduzierten Text-Bild-Kombinationen (oder reinen Bilder) vom Schrecken, vom Krieg, von Gewalt und Angst. "Ich habe ein gutes Gespür für die Ästhetik der Zeit", sagt Mandarina. Und wäre froh, wenn sie danebenliegen würde: "Diese Sprühschablonen-Ästhetik findet sich derzeit in vielen europäischen Städten. Und seltsamerweise taucht sie immer wieder am Vorabend von gewalttätigen Umwälzungen oder Kriegen auf. Vor der Oktoberrevolution etwa. In der Zeit der Partisanenkriege in Osteuropa. Während Vietnam. Und in der Zeit, als die RAF und die Roten Brigaden aktiv waren."

Es sei für sie nicht einfach, ihre Motive zu finden, sagt Mandarina. Und zwar nicht obwohl, sondern gerade weil die verwendeten Bilder omnipräsent sind. So sehr, dass die meisten Leute längst gelernt hätten, darüber hinwegzusehen. Auch zum Selbstschutz. Die Mutation des eindeutig Schrecklichen zur doppelbödigen Farce, hofft die Designerin, mache es einfacher, die ursprüngliche jungscharhaft-hippiesk-peinliche Botschaft vom Traum von einer besseren Welt auf der Brust zu tragen. Und - ja - das sei grässlich klebrig-romantisch. Und - ja - die Zeit politischer Bekenner-T-Shirts sei eigentlich längst passé.

Komisch nur, dass just in den Zirkeln um die Kunsthochschulen und Galerienviertel solche ums Eck ins Ziel gesteuerten Herzausreißerbotschaften auf fruchtbaren Boden fallen: Seit vergangenem Herbst hat Mandarina Brausewetter unter dem Labelnamen "The Hotdogs" zwei Kollektionen - mit im Übrigen nicht einfach auf Billig-Shirts und Tops, sondern auf eigens und nach ihren speziellen Kragen-, Ärmel- und sonstigen Detailvorstellungen genähten Stücken applizierten Botschaften - auf den Markt gebracht. Und dafür weit mehr als bloß höflichen Applaus der Szene erhalten. Bloß sind ihr die auf Oberkörpern gestaltbaren Flächen mitunter einfach zu klein. "Ich wollte immer etwas Großformatiges machen." Freilich in einem passenden Umfeld. Ab heute (Freitag, 7. März) sind im Wiener Szenelokal "Blue Box" erstmals formatfüllende Wandgemälde zu sehen. Was nicht heißen soll, dass Mandarina sich nicht darüber freuen würde, wenn die Madonna in der Gumpendorfer Straße wieder Blumen bekommt. (DER STANDARD/rondo/07/03/2003)

  • Marianne Brausewetter, Künstlername "Mandarina" und ihre Wandgemälde in der "Blue Box"Foto: Regine Hendrich
    foto: regine hendrich

    Marianne Brausewetter, Künstlername "Mandarina" und ihre Wandgemälde in der "Blue Box"

    Foto: Regine Hendrich

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