"Gott, hilf mir, dass ich mich beherrsche!"

29. Jänner 2009, 17:44
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Nach 20 Jahren Pause kehrte Grace Jones als Pop-Alien mit dem Album „Hurricane" zurück - In London triumphierte die 60-Jährige jetzt auch live

Das Londoner Roundhouse hat vieles schon gesehen. Kein Wunder, dass es zittert, kein Wunder, dass es bebt. Der überschaubare Veranstaltungsort im trendigen Stadtteil Camden Town wurde nach seinen Anfängen in den 1960er-Jahren als Heimstatt für legendäre Konzerte Pink Floyds oder von Jimi Hendrix zwar jüngst generalüberholt. Und es wurde von seiner Patina Richtung Rauchverbot und Mehrzweckhallensterilität befreit. Für drei seit Wochen ausverkaufte Comebackkonzerte des Pop-Aliens Grace Jones taugt der 2000 Leute fassende Saal aber allemal.

Immerhin bietet das Veranstaltungsrund so Gelegenheit, eine der so genannt schillerndsten Figuren der jüngeren Popgeschichte ganz nah zu erleben - wenn man denn die Geduld aufbringt, für viel Geld die für eine Diva alten Schlags obligatorische Verspätungsstunde in Kauf zu nehmen.

Miss Grace Jones aus Spanish Town, Jamaika, wird bei ihrem späten Auftritt umso dankbarer empfangen - von einem mehrere Generationen von Clubgängern umfassenden Publikum. Zwischen Querbeet, Queer, Popintellektualismus, Disco-Märchenprinz und aufgemeschter Minipli-Sexgöttin, kombiniert mit der stilistischen Nonchalance sich heute längst nicht mehr beim Designer, sondern auf dem Flohmarkt einkleidender Teenager unter der Knute des Electro-Punk ist alles möglich.

Soziale wie emotionale Interaktion im Publikum ist angesagt. Hier prallt der versammelte Hedonismus von vier Jahrzehnten Pop ganz selbstverständlich aufeinander. Was früher als futuristisch galt, firmiert heute in der Wiederholung für die Kleinen längst wieder als hochmodern.
Die für ihre 60 Jahre trotz einiger unglücklicher chirurgischer Entscheidungen im Gesichtsbereich atemberaubend gut aussehende Grace Jones beginnt das Konzert dementsprechend zeitlos. Nightclubbing, Iggy Pops alte Hymne auf das Nachtleben, pumpt mit bestens eingespielter achtköpfiger Begleitband, zu der auch Grace Jones' Sohn Paolo gehört, voluminöse, schwere Reggae-Beats in den Saal.

Zeitlos an der Go-go-Stange

Jones steigt auf absurd hohen Absätzen und mit noch immer von ihrem Hausdesigner Philip Treacy verantwortetem Outfit (Korsett, lustige Hüte) von einer Hebebühne herunter zu den Niederungen unserer kleinen Existenzen. Das ist größer als das Leben. Viel größer aber sind die Kopfbedeckungen, die Jones nach jedem Song wechselt. Wir erleben in Folge physikalisch kaum tragbare Kreationen zwischen Obstschalen aus Metall, forschen Irokesenkappen, Zwirbelhauben, Insektenmasken und Variationen Salvador Dalís auf den Karneval in Venedig.

Wirklich atemberaubend allerdings: Grace Jones hat sich während ihrer ersten großen Zeit Ende der 70er-, Anfang der 80er-Jahre im Verein mit Reggae-Giganten wie Sly&Robbie, der ehemaligen Rhythmusgruppe von Bob Marley, eine bis heute hochmoderne, weil zeitlose Form von Musik erarbeitet. Diese sorgt noch heute für uneingeschränkte Begeisterung.

Immerhin wurde und wird hier während alter Songs wie My Jamaican Guy, Demolition Man, Pull Up To The Bumper oder Love Is The Drug Reggae von seiner verrauchten Gemütlichkeit und sozialrevolutionär bewegten Sentimentalität befreit und kalt wie präzise auf den minimalistischen Punkt gebracht. Dancefloor bedeutet Funktionalität. Diese drängt die jeweils aktuelle Form an den Rand. Geschenkt.

Deutlich wird dies, wenn Jones Songs ihres nach 20-jähriger Kreativpause entstandenen Comeback-Albums Hurricane in das Set mischt. This Is, Sunset Sunrise, Love You To Life, vor allem aber die einen weiten pathetischen Bogen von Jamaica Richtung Gospel ziehende autobiografische Tanzballade William's Blood bringen das Roundhouse heftig in Aufruhr.

Die heute dunkler und von unnötigen emotionalen Resten inneren Aufruhrs befreiter singende Grace Jones kokettiert mit ihrem Alter: „Eigentlich bin ich schon 70, nicht erst 60 Jahre alt. Just don't cut me open when I die!" Grace Jones erschauert beim Anblick all der leckeren Jünglinge im Publikum: „Gott, bitte hilf mir, damit ich mich beherrsche!" Jones sagt ordinäre Sachen über sich als Hurricane, der erst sanft und dann stark blasen wird - und dass sie jetzt spontan an ihren Fingern nuckeln muss.

Grace Jones wackelt so intensiv mit dem Popo an der von einer riesigen, mit Lametta behängten Windmaschine angeschnaubten Go-go-Stange, dass die 50-jährige Kollegin Madonna alt aussieht. Während ihrer legendären Discoversion von Edith Piafs La Vie En Rose teilt sie sich ein Gläschen Schampus mit dem Publikum. Am Ende regnet es Konfetti - und Slave To The Rhythm verwandelt den Saal in eine Faschingsparty für Leute, die dem Alter zumindest in ihrer Freizeit trotzen wollen.

Kurz, Grace Jones, eines der berüchtigsten Biester des Pop, ist ganz bei sich und hält mit Grandezza ihre sieben Zwetschken auseinander. Das ist so würdelos wie herzerwärmend. Bloß nicht vernünftig werden: „I love you, I suck you, and I beat you!" Hallo, Grace Jones spielt unser Lied! (Christian Schachinger aus London/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.1.2009)

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    Foto: Graham Denholm/Getty Images

    Pop-Diva Grace Jones verwandelt während ihres Live-Comebacks das Roundhouse in London in eine generationenverbindende Disco. Wien steht leider nicht auf dem Spielplan.

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