Inspiration durch Komponiermaske

29. Jänner 2009, 17:31
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Bassist Georg Breinschmid über philharmonische „Irrwege" und Archie Shepp

Wien - Wenn man von einem Maßstabsetzer des jazzigen 20.Jahrhunderts wie Archie Shepp für einen Gig als Duopartner ausgewählt wird, kommt zur Ehre auch eine erhebliche Belastung von Geduld und Nerven hinzu. „Ich hab Stunden im Hotel gewartet, bis er mich um Mitternacht auf sein Zimmer kommen ließ, damit wir proben", erzählt Georg Breinschmid.

„Er war dann richtig väterlich. Beim Soundcheck im Porgy & Bess allerdings, zu dem er auch erheblich zu spät kam, war er übler Laune. Er setze sich ans Klavier, spielte komplett neben der Time. Ich habe versucht, ihm zu folgen und gleichzeitig die Time zu halten - er hat es nicht gemocht. ,Du musst mit mir spielen, nicht ich mit dir, so wird das nichts!‘, hat Shepp gemeint." Üble Stimmung, aber „das Konzert war dann super".

Sprunghafte Biografie

Georg Breinschmid, ein wirklicher Virtuose am Kontrabass, hat sich dieser Situation gerne ausgesetzt. Die Geduld des gar nicht lauten Zeitgenossen ist jedoch, so man seine eigenwillig sprunghafte Biografie betrachtet, durchaus enden wollend. Wenn sich ihm eine Situation als unbrauchbar oder unangenehm darstellt.

So war der 35-Jährige schon zwei Jahre lang bei den Wiener Philharmonikern, wo „ich natürlich tolle Erlebnisse hatte". Der Drang zu einer Kunstexistenz abseits der Interpretation war jedoch nicht zu bändigen; der immer schon nebenher praktizierte Jazz bekam die Hauptrolle. Mittlerweile ist Breinschmid jedoch auch da schon „ausgestiegen". Nicht stilistisch. Seine Teilnahme am Vienna Art Orchestra jedoch ist Geschichte. Es scheint, als hätte er auf seiner Wanderschaft zu sich selbst in Kollektiven Zuflucht gesucht, auch um der Suche nach dem Eigenen einfach einen Sicherheitsrahmen zu verleihen.

Energie

Ein wenig exzentrisch wirkt das jedenfalls schon. So leicht wird man ja nicht Philharmoniker. Es gäbe also weniger aufwändige Methoden, um draufzukommen, dass man keiner sein will, als ein Probespiel zu bestehen und aufgenommen zu werden.

„Es gab natürlich im Elternhaus die Idee, ich möge doch bitte eine seriösere Sache anstreben. Ich bin aber auch stilistisch flexibel, und das ist mir wichtig. Bei Beethoven und teils auch bei Mozart fehlte mir emotionell der Zugang. Ich wusste mich aber so weit anzupassen, dass dies nicht einmal mir selbst aufgefallen ist. So ein Orchester hat natürlich auch eine eigene Energie, da wird man mitgerissen. Und klar: Man kann sich im Orchester auch etwas verstecken. Als Sideman im Jazz ist das ähnlich."

Mittlerweile ist Breinschmid vorläufig doch bei sich selbst angekommen. Er hat kein Problem, ausreichend individuelles Projektmaterial für die Personale im Porgy aufzutreiben. Man wird auch bemerken, dass „für mich seit Jahren das Komponieren an Bedeutung gewonnen hat - eigentlich ist es mittlerweile die Hauptsache."

Dreiviertel-Takt-Repertoire

In dieser Hinsicht sei ein Buch extrem hilfreich gewesen: „The Artist's Way von Julia Cameron, eine Art Anleitung zur Kreativität, hat bei mir jedenfalls voll eingeschlagen. Eine Übung besteht etwa darin, jeden Tag drei Seiten mit Text vollzuschreiben. Ohne Beschränkungen. Mit irgendwas."
Hilfreich beim Komponieren war in manchen Phasen vielleicht auch ein gewisser Ivica Strauß, Spross der bekannten Walzerdynastie, „der so gewagte Musik schrieb, dass er tragischerweise von seinen Verwandten nach Montenegro verbannt wurde".

Breinschmid, der einst im Kursalon Hübner auch das Dreiviertel-Takt-Repertoire studierte, hat dieses Alter Ego, wie er sagt, erfunden, aber auch vorgeschoben, um für sich als Komponist womöglich Freiheit vom Druck und Stilfragen zu erlangen - als Komponiermaske gleichsam. Die, wie man hören wird, sehr geholfen hat, den Stilmix aus Wien, Balkan und Jazz qualitätsvoll zu halten. (Ljubiša Tošic/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.1.2009)

30., 31. 1.; Porgy & Bess, Riemergasse 11. 20.30

 

  • Jazzbassist und Komponist Georg Breinschmid.
    foto: standard/newald

    Jazzbassist und Komponist Georg Breinschmid.

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