Wirtschaftskrise

"Wie bei einem Erdbeben"

29. Jänner 2009, 15:46
  • Artikelbild
    foto: archiv

    Fünf unabhängige Wirtschaftswissenschafter prangern die Praxis der Rechnungslegung an, sehen aber auch in der Finanzkrise eine Chance zu einem "Multiparadigmenwechsel". (Foto: Albrecht Dürers "Apokalyptische Reiter")

Warum Währungen verschwinden werden und wie "Konsumgeld" aus der Krise helfen könnte. Fünf Wirtschaftswissenschafter auf der Suche nach einer neuen Weltordnung

Wien - Ursachenforschung in der Finanz- und in weiterer Folge der Wirtschaftskrise hat im Moment Hochkonjunktur. Auch Prognosen, wie es denn weitergeht oder wann die Krise überwunden ist, scheinen zur Lieblingsbeschäftigung von Analysten und Forschern geworden zu sein.

Fünf Wissenschafter, die sich dezidiert als "unabhängig" verstanden wissen wollen, gehen noch einen Schritt weiter und hinterfragen gleich die gesamten Wirtschaftswissenschaften. Worin sich diese Unabhängigkeit begründet, erklärt Franz Hörmann, Professor für Unternehmensrechnung und Revision an der Wirtschaftsuniversität Wien, am Donnerstag vor Journalisten: "Wissenschaftler agieren als Lobbyisten, um ihren finanziellen Lebensstandard aufrecht zu erhalten oder zu verbessern. Die Ökonomie wird zu einer instrumentalisierten Wissenschaft." Aus wissenschaftlicher Sicht seien die theoretischen Grundlagen großteils widerlegt, kritische Literatur werde aber "totgeschwiegen".

Und damit ist gleich die erste Ansage umrissen: Wirtschaftswissenschafter, die sich in der freien Wirtschaft ein Zubrot verdienen oder als Berater arbeiten, hätten laut Hörmann wenig Interesse, am bestehenden System etwas zu ändern.

Fragwürdige Bilanzen

Die Praxis der Geschäfts- und Quartalsberichte sei nach Ansicht der Experten schon prinzipiell fragwürdig. "Relevante Informationen sind darin nicht enthalten, weil auch die Konkurrenz Einblick hat." Letztendlich sei die Finanzkrise auch auf die "falschen" Konzernabschlüsse zurückzuführen. "Das so genannte Fair Value Accounting hat eine arge Verstärkung der Finanzkrise herbeigeführt. In volatilen Zeiten auf der Aktivseite aktuelle Tagespreise ausweisen zu müssen, wenn zugleich strenge Mindestvorschriften für das Eigenkapital gelten, kann für Banken nur in der Katastrophe enden", so Herbert Haeseler, ebenfalls Professor an der WU Wien.

Finanzielle Kennzahlen seien zur Steuerung von Unternehmen aus wissenschaftlich-mathematischer Sicht grundsätzlich ungeeignet, erklärt der EDV- und Prozessmanagement Consulter Christian Fichtenbauer. "Diese Kennzahlen sind eindimensional und unvollständig, uneindeutig und manipulierbar."

Auch Basel II habe laut Haeseler die Kreditvergabe drastisch behindert und die Volkswirtschaften - insbesondere die mittelständische Wirtschaft - negativ beeinflusst. "Die USA wollten Basel II, haben es aber bis heute nicht eingeführt und werden es meiner Meinung nach auch nie. Die Damen und Herren in der EU fühlten sich aber bemüßigt, zu salutieren", führt Haeseler aus.

Multiparadigmenwechsel

Aber nicht nur Schwarzmalen wollen die Wissenschafter, schließlich sehen sie die "Finanzkrise auch als Chance zum Multiparadigmenwechsel". In zehn Jahren würden sowohl das Gesellschafts- als auch das Wirtschaftssystem völlig anders aussehen als heute.

Als Alternative zum derzeitigen Wirtschaftssystem schlagen die Experten "Netzwerke" vor. Offene, elektronisch unterstützte Basen sollen die Grundlage bilden. Wichtig sei vor allem, dass es keine Anonymisierung gebe, um eine Vertrauens-Basis zu schaffen. Als Beispiel aus der Praxis verweist Hörmann auf das so genannte "social lending". Unter diesem Schlagwort versteht man Privatkredite, die (meistens) über Online-Plattformen ohne Banken zustande kommen. Was gerade in Deutschland für private Anleger und private Kreditsuchende immer attraktiver wird, könnte als Blaupause für die Gesamtwirtschaft herhalten.

Erhard Glötzl von der Universität Linz sieht die Hauptursache für die derzeitige Wirtschaftskrise im dramatischen Unterschied zwischen Kapital- und Arbeitseinkommen. Während beim Kapital ein exponentielles Wachstum zu beobachten wäre, gab es nur ein lineares bei den Arbeitseinkommen. Die Schere sei immer weiter auseinander gegangen. "Was wir jetzt mit der Finanzkrise sehen, ist ein unkontrollierter Ausgleichsvorgang, wie zum Beispiel bei einem Erdbeben."

Kapitalbesteuerung

Gefordert sei jetzt ein gezieltes Eingreifen, meint dazu Rainer Born vom Institut für Philosophie und Wissenschaftstheorie der Johannes-Kepler-Universität in Linz. Konjunkturpakete oder Bankenhilfspakete würden zwar gebraucht, um nicht das gesamte System wie ein Kartenhaus einstürzen zu lassen, eine höhere Staatsverschuldung löse die Krise aber sicher nicht, sind sich die Wissenschafter einig. Zumindest mittelfristig müsse das Geld mit Kapitalsteuern finanziert werden.

Neben der Kreditklemme sehen die Experten auch die Konsumflaute als potenziellen Verstärker der Wirtschaftskrise. Wenn Unternehmen und Konsumenten beginnen, ihr Geld zu horten, statt es auszugeben, sei das keine Lösung. Hörmann schlägt daher vor, die Politik solle eine Art "Konsumgeld" für Endverbraucher einführen. "Sagen wir, der Staat stellt jedem Konsumenten pro Monat einen bestimmten Betrag zur Verfügung, der zur Ankurbelung des Einzelhandels dienen sollen. Nicht bar auf die Hand, sondern in elektronischer Form - und was nicht innerhalb eines Monats verbraucht wird, geht wieder zurück." Damit würde man nicht nur den Konsum wieder anheizen, sondern könne auch sehr genau sehen, in welche Branchen und Produkte investiert werde, so Hörmann weiter.

Das Geld solle ausgegeben werden, "solange es noch was wert ist", fügt Haeseler hinzu. Seine Prognose für den Geldmarkt ist düster: Große Währungen werden verschwinden, und durch Gutscheine oder Ähnliches ersetzt werden. Der Euro beispielsweise werde die Defizite der Mitgliedsstaaten nicht lange aushalten können. Außerdem sei generell ein Crash "ärger als 2008" für das laufende Jahr zu erwarten. (Daniela Rom, derStandard.at, 29.1.2009)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 377
1 2 3 4 5 6 7 8 9
6 auf Krankenschein
00
1.11.2010, 10:31
was solls

wenn man schon faule kredite verkaufen kann
produkte die verschimmelt sind oder angeblich bio
und das dumme volk es nicht versteht

Jon Tomes
10
12.3.2009, 20:36
Zuviel zum Lesen......

Sorry

Ravenhorst
30
20.2.2009, 13:33
Manche Wissenschaftler bräuchten ........

...........dringend einen Arzt.

Herr und Frau Österreicher
 
00
13.10.2010, 15:48
Warum?

Weil sie kein "Vertrauen" haben?

Derfdeswoarsein
 
01
13.10.2010, 11:55
Warum das? Weil sie nicht Ihrer Meinung sind?

Solche "Experten" wie Sie vergessen immer auf den wichtigsten Teil der "Wirtschaft" - den Konsumenten. Hat der kein Geld, was glauben Sie was Sie mit Ihren Aktien in kürzester Zeit machen können? Die Klowand tapezieren vielleicht

DirtyHarry
00
15.2.2009, 21:35

"Große Währungen werden verschwinden" - JA!

Aber was soll das folgendes bedeuten?
"durch Gutscheine oder Ähnliches ersetzt werden"

Es ist ja gerade das Problem, dass die Währungen nur Gutscheine sind, momentan haben die "Gutscheine" US-Dollar, EURO, Yen noch Kaufkraft, der "Gutschein" Simbabwe-Dollar hat keine Kaufkraft mehr.

Mostbluzer
01
das geschäftsmodell-problem der baldigen bad banks

so wie in vielen teilen der wirtschaft g-modelle wie kartenhäuser zusammenbrechen (von abhängigen zulieferern bis hin zur finanzwirtschaft) werden auch die bald ehem. träume der riesenbanken zerbrechen. keiner wird sich mehr sinnlos verschulden (wollen/können) in den nächsten jahren und nach dem mathem. notwendigen crash. zuerst werden dumbe und korrupte politiker abtreten, eine neue generation wird kommen. dann beginnts von vorn oder es wird alles anders. banken benötigt niemand und sind nicht systemrelevant, fürs bestehende schon, fürs reale nicht. eine internetplattform für kontoführung genügt, das können 500 personen für ganz österreich erledigen. die finanzprodukte sind tot auf jahre u. haben damit nichts zu tun.

also dann ...
00
sehe ich nicht so - was die "notwendigkeit" der banken generell... betrifft.

denn
- die unternehmen sind - seit jahrzehnten ! - ca. zu 70-80 % verschuldet (eigenkap-quote = 20-30 %, je nach branche)
- und benötigen fremdkapital
genau dieses volumen können - eben nicht - 500 personen administrieren usw.

ja
was die bad-banks + systembanken betrifft.

Mostbluzer
00
diesen punkt

müssen zwangsweise nicht banken übernehmen. privatkapital, fonds, der staat, fördereinrichtungen, länder, internetplattformen, konsortien, stiftungen und alternative bankkonzepte oder spezialinstitute (a la leasing, bausparkassen ohne kropf) können dies ebensogut durchführen, dafür brauche ich keinen moloch, sondern vielleicht viele spezialeinrichtungen mit mehr know-how und wettbewerb s.o.

und den puren zahlungsverkehr machen it plattformen, den rest machte ich schon vorher nicht bei den banken.

mr coolcat
07
ich will ja nicht schwarz malen aber:

es muss nur noch die letzte große, die "mutter aller blasen" platzen, die staatsanleihen. (der tag an dem [aufgrund des zinseszinseffektes] die zinsen auf die anleihen die gesamten steuereinnahmen übersteigen.
seh ich leider nicht als unwahrscheinlich, auch in versch. zentralen eu-ländern...
meinungen?

Karl Abend
01
13.2.2009, 17:35
Die Staatsanleihenblase wird bald hochgehen,

aber leider in Europa, weil

(1) eine Einheitswährung für heterogene, in sich steuerrechtlich selbständige, Wirtschaftsgebiete = Staaten in der Krise sich unterschiedlich entwickeln,

(2) diese Krise das Auseinanderdriften noch fördert, und (siehe Spreads der Länder!)

(3) last but not least die U.S.A. mit Dampf daran arbeiten, den Euro zum Absturz zu bringen...

DANN KRACHTS ABER ORDENTLICH!

Euroumrechner
23

Fazit: Kapitalismus funktioniert nicht.

Mostbluzer
05
kapitalismus zerfällt, echte demokratie hatten wir nie

solange der staat die kontrolle über das geldschöpfungswesen, das zinswesen an private banken abgibt und die ankurbelung der verschuldung des staates und der privaten fördert, kann es nicht funktionieren. wenn guthaben bei banken exponentiell wachsen, müssen dies auch kredite, dann ist mal sense, gemäss zinseszins. wer die geldmenge nicht im griff hat wie die ezb (über 10% wachstum seit 10 jahren) braucht sich nicht wundern. wenn hausverstand abtaucht, renditen von 25% notwendig werden (erste bank, deutsche,..)
stellt sich das system selber kalt. korruption und ausbeutung tun ihr übriges. echter kapitalismus ohne wahre demokratie gibt es nicht. erstes haben wir probiert, zweiteres hatten wir nie.

DirtyHarry
01


Wichtig sei vor allem, dass es keine Anonymisierung gebe...
Das ist eine Drohung - schöne Zeiten werden das....

Mostbluzer
10
genau, am besten mit dem haut-rfid chip

zwangskonsumscheine, das ist ja extremster kapitalismus in reinkultur. dann wirds abartig, als notlösung gabs das immer schon, aber bitte nicht als dauerzustand. wenn qualität und preis kein anreiz sind etwas zu kaufen, dann können wir den markt gleich begraben. vielleicht noch eine sanktion, wenn jemand konsum dauerhaft verweigert? die demokratie ist dann sowieso tot, so oder so, wenn ich z.b. 500 euro im monat konsumieren muss, aber nicht will (bzw. ich einen schaden hätte, wenn ich s nicht tue). bisserl konkretere massnahmen jetzt wären da schon sinnvoller als diese NWO Träume.

chris 8104
00
mal etwas zum nachdenken....

http://www.storyofstuff.com/

vorzu
13
Worin sich diese Unabhängigkeit begründet..

Ich bin entsetzt über diese Ausfürungen. Hier wird wieder einmal der Kleine Mann verführt von breit klingenden Untermalungstheorien.
Das Fach Wirtschaftswissenschaft hat nur in beschränktem Masse mit hlistischen, weltumspannenden (Verschwörungs-) Theorien zu tun, Betriebswirtschaft (gleichfalls IWW - Intern. Wirtschaft).
Daß am Ende der "Krise" ein bereinigender Effekt auftritt, ist wohl allen klar, daß man zum Tauschgeschäft zurückkehrt bzw. Konsumgeld einhertritt, wohl weniger natürlich.

Hier haben wohl selbst jene "Wissenschaftler" sich ein Zerrbild einer gesehnten Zukunft geben wollen, aus dem sich herauszuhalten es ihnen nicht gelang

"Das Geld solle ausgegeben werden"..
Die Bremer Stadtmusikanten lassen aufspielen


vorzu
10

tweety, Du hast schon bei BMW nix getaugt,
häng jetzt nicht auch Schein .- theorien an! ;)

fea0
13
31.1.2009, 10:51
Schulden mal anders gemacht

Super Lösung! Nun soll der Staat, also wir, Schulden machen um uns das Geld zu geben, damit wir shoppen können um das System aufrecht zu erhalten; damit wir dann in einem System enden, indem Geld nix mehr wert ist und wir nur noch mit Gutscheinen einkaufen können wie in der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg und danach und währenddessen. Wieso führen wir nicht gleich wieder den Tauschhandel als Lösung ein?

EU-Austretter
24
30.1.2009, 20:56
Die beiden Kernprobleme werden auch hier verschwiegen Geldschöpfung durch Kredite, und der Zins:

DirtyHarry
01


Das was jetzt gemacht wird ist Geldschöpfung aus dem Nichts.
Deshalb verlieren die Währungen auch so rasch an Kaufkraft. Schreibe bewusst Währung, weil Geld kann man das nicht mehr nennen.
Simbabwe-Zustände bald in USA, GB und EU?

also dann ...
01
31.1.2009, 12:52
stimmt !

EU-Austretter
12
30.1.2009, 20:55

Geld wird also durch Kredite in Umlauf gebracht- Geld entsteht durch Kredite- aber nur das Geld für die Grundschuld, nicht das Geld für die Zinsen. Damit überhaupt das Geld für die Zinsen in Umlauf kommt, muss ein neuer höherer Kredit her. Für diesen Kredit ist wieder nur das Geld für die Grundschuld in Umlauf, wieder muss ein neuer höherer Kredit her, damit das Geld für die Zinsen in Umlauf kommt, und immer so weiter- ein Pyramidenspiel. Dabei nimmt natürlich nicht immer die gleiche Person einen immer höheren Kredit auf, aber gesamtvolkswirtschaftlich muss es eine immer weiter steigende Verschuldung geben.
http://www.teleboerse.de/Kolumne_v... 33237.html

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 377
1 2 3 4 5 6 7 8 9

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.