"Kalkulierbares Risiko muss man eingehen"

2. Februar 2009, 11:55
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Rapids General-Manager Werner Kuhn sieht die finanzielle Lage bei Österreichs Meister trotz einiger Unkenrufe im grünen Bereich

derStandard.at: Aus diversen Medienberichten war zu erfahren, dass Rapid nur mehr bis März zahlungsfähig sei. Dann ein Sponsor-Vorschuss für den Fortbetrieb des Vereins von Nöten sei. Wie ernst ist die Lage beim regierenden Meister?

Werner Kuhn: Offenbar verbreitet sich hier ein großes Missverständnis. Zu den Fakten: Rapid hat das letzte Jahr mit einem Gewinn von ca. 400.000 Euro abgeschlossen, das laufende Geschäftsjahr weist nach den bisher vorliegenden Zahlen ebenfalls ein positives Ergebnis aus. Richtig ist, dass das Vereinskapital weiterhin negativ ist. Durch den Gewinn des letzten Geschäftsjahres konnten wir das negative Vereinskapital reduzieren. Solange das Vereinskapital allerdings negativ ist, müssen wir es finanzieren. Eine Möglichkeit wäre, es durch eine Kreditaufnahme zu finanzieren, wie dies in der Wirtschaft üblich ist. Wir haben die Möglichkeit, die Finanzierung mithilfe unserer Sponsoren umzusetzen. Wir haben uns in den letzten Jahren nicht fremdfinanziert. Wir haben zum Glück sehr, sehr wertvolle Sponsoren. Es ist für ein Unternehmen nichts Ungewöhnliches, einen Vorschuss zu nehmen, außer man hat wirklich sehr viel Geld auf der Kante, aber Geld im Überfluss gibt es nur bei Mäzenen, die Vereine unterstützen, wie etwa bei Manchester City oder in Österreich bei Red Bull Salzburg.

derStandard.at: Könnte nicht mit den Einnahmen aus Spielerverkäufen, wie Korkmaz ein größerer Teil des negativen Vereinskapitals beglichen werden?

Kuhn: Ja, wir könnten negatives Vereinskapital in größeren Schritten abbauen, doch um die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken, investieren wir Transfererlöse in den Kader der Kampfmannschaft, wie auch in den Aufbau junger Spieler. Wir haben Stefan Maierhofer verpflichtet, Jimmy Hoffer und Markus Heikkinen langfristig an den Verein gebunden. Dazu auch die Verträge von sieben jungen Spielern, darunter etwa jenen von Rohdiamant Christopher Drazan verlängert. Ich möchte betonen, dass unser Budget ausgeglichen ist, das eine ist Liquidität, das andere ist Budget oder Jahresabschluss. Und wir haben einen positiven Jahresabschluss. Aber während eines Wirtschaftsjahres braucht man Geld, um wie bereits erwähnt Vertragsverlängerungen zu ermöglichen, wie etwa bei Stefan Maierhofer. Dazu muss man schon während der Saison Geld in die Hand nehmen, und damit nicht erst bis Sommer warten.

derStandard.at: Wie kam das negative Vereinskapital zustande?

Kuhn: Wir haben in den letzten Jahren die Infrastruktur, wie zum Beispiel die Projekte Rasenheizung, Videoüberwachungsanlage, Kraft- und Fitnessraum, Rehabilitationsbereich, oder den neuen Kunstrasen mit rund 2 Millionen Euro mitfinanziert; sowie in den Kader der Kampfmannschaft, die zuletzt den Meistertitel errungen hat, investiert. Mittlerweile haben wir das negative Vereinskapital durch einen positiven Jahresabschluss auf etwas über 4 Millionen Euro abgebaut. Das machen wir Jahr für Jahr, Stück für Stück in kleinen Schritten. Das machen wir, damit wir auch nach einem Meisterjahr eine wettbewerbsfähige Mannschaft erhalten können.

derStandard.at: Man hört immer wieder, dass Vereine aus finanziellen Gründen stöhnen, wenn sie Meister geworden sind. Man möchte glauben, dass sich mit dem sportlichen Erfolg auch der finanzielle einstellt. Warum ist dem nicht so? Hat man die Spielerprämien nicht ausreichend budgetiert?

Kuhn: In unserem Budget sind die Spielerprämien budgetiert. Jedoch ist der Preis für Vertragsverlängerung und Erhalten einer Meistermannschaft aufgrund des weit höheren Marktwerts jedes einzelnen Spielers nach einem Meistertitel eine hohe Herausforderung. Auch wurde in die Vertragsverlängerungen junger Spieler investiert. Wir haben in den vergangenen Jahren nach unseren Titeln immer erfolgreich weitergearbeitet, und junge Spieler erfolgreich in den Kader integriert. Da gab es auch andere, wie z.B. unser Stadtrivale, wo Millionen investiert wurden, keine Sympathie entstand und auch die Zuschauer ausblieben. Darüber hinaus ist die Jugendakademie in Hollabrunn nunmehr bei Magna Wr. Neustadt gelandet. Wir haben eine breite Basis von Sponsoren und eine sehr geringe Fluktuation, wir genießen eine hohe Sympathie, wir haben ein ausverkauftes Stadion und eine große Merchandising-Kraft. Ich denke, dass wir ordentliche, gute und  professionelle Arbeit leisten.

derStandard.at: Hat man mit Einnahmen aus Champions League oder UEFA-Cup kalkuliert?

Kuhn: Ja, mit aller Vorsicht nur mit den Qualifikationsrunden. Und damit haben wir einen positiven Jahresabschluss erwirtschaftet.

derStandard.at: Ist es nicht schwierig, das Budget zu erstellen, wenn man nicht weiß, ob man einen Spieler verkaufen wird können und so auch nicht weiß, ob das knapp bemessene Budget für die Saison ausreicht?

Kuhn: Bei einem Budget von rund 15,5 Mio. Euro (konsolidiert) wurde in den letzten Jahren ein Risiko von rund 2 Millionen Euro eingeplant. Das ist finanzierbar. Das ist kalkulierbares Risiko und dieses muss man eingehen. Wir sind im Durchschnitt alle drei Jahre ausgeglichen. Ich bin überzeugt, dass Rapid im positiven ein einzigartiges Modell in Österreich aufgebaut hat. Wir sind ganz vorne dabei. Wir geben nicht das gleiche Geld wie etwa Stronach aus und wir haben nie soviel ausgegeben wie Salzburg benötigt und sind trotzdem öfter Meister geworden, als die beiden zusammen. Wir wollen nicht zu unsicheren Mäzenen gehen, um Zuwendungen zu erbetteln, sondern gleichen das wie immer aus eigener Kraft aus. Das ist unser Weg.

derStandard.at: Rapid hat keine Nachwuchssorgen?

Kuhn: Rapid hat einen ordentlichen Nachwuchs, eine eigene Akademie, wir legen immer wert darauf, eigene Spieler zu entwickeln. Ein eigener Nachwuchsspieler von Salzburg riecht bei all den Legionären nicht einmal den Schweißgeruch der Kampfmannschaft. Wir dagegen forcieren junge Spieler - wie Drazan, Pehlivan, Kayhan, und dahinter schon die nächsten, die bald zu den Profis dazu stoßen können. Nicht zu vergessen Ümit Korkmaz, der über unseren Verein schnell den Sprung in eine internationale Top-Liga geschafft hat. Wir haben den jüngsten Amateurkader und spielen mit denen in der Regionalliga ganz vorne mit. Wir haben die besten Spieler auch in den Nachwuchs-Mannschaften.

derStandard.at: Wenn man sich das volle Hanappi-Stadion anschaut, dann könnte man meinen, dass Rapid das Potenzial bei weitem nicht ausschöpft...

Kuhn: Wir haben ein nahezu ausverkauftes Hanappi-Stadion und planen laufend weitere Verbesserungen. Leider ist das Hanappi-Stadion kein Eurostadion geworden. Überall wird jetzt überlegt, die Euro-Stadien wieder zurückzubauen, wir machen uns Gedanken über mögliche Erweiterungen.

derStandard.at: Ein paar Verträge mit Sponsoren laufen aus. Wie zuversichtlich sind sie, dass diese Sponsoren erhalten bleiben und andere dazukommen? Es wird gemunkelt, dass auch Gespräche mit der Fluglinie Emirates geführt wurden.

Kuhn: Wir haben die besten Sponsoren, viele davon sind als treue Partner weit über zehn Jahre bei unserem Verein. Wir sind permanent mit unseren Sponsoren in Gesprächen, ebenso laufend mit möglichen, neuen Partnern. Das ist unser Job. Wenn wir einen neuen Sponsor bekommen, werden wir ihn selbstverständlich der Öffentlichkeit präsentieren.

derStandard.at: Es gibt einen offenen Brief von Rapid-Fans, die von Präsident Edlinger Erklärungen zur finanziellen Situation verlangen. Was sagen sie dazu?

Kuhn: Ein solcher Brief ist bei uns nicht eingegangen. Wir sind aber jederzeit bereit, Fragen in diesem Zusammenhang zu beantworten. Im Wesentlichen haben wir einen positiven Jahresabschluss 2007/08 mit einem konsolidierten Gewinn von rund 400.000 Euro. Das laufende Budget ist ausgeglichen, im Besonderen durch den Erfolg, dass wir im letzten Jahr mit OMV und Orange zwei neue Sponsoren gewonnen haben.

derStandard.at: Ihre Vision von Rapid für die nächsten Jahre? Wohin geht die Reise?

Kuhn: Da denke ich in erster Linie daran, weiterhin die Infrastruktur des Stadions und des Trainingsbereichs laufend zu verbessern. Ebenso die Weiterentwicklung der eigenen Nachwuchsakademie. Wir müssen uns auf die Sicherung der Zukunft konzentrieren. Wir wollen bedingt durch die große Nachfrage den VIP-Bereich ausbauen. Wir legen viel Wert auf unsere treuen Dauerkartenbesitzer und arbeiten laufend an der Qualität aller unserer Mannschaften im Verein, im Besonderen an jener unserer Kampfmannschaft. Natürlich auch an langfristigen Spielerverträgen, und einer hoffentlich auch weiterhin so erfolgreichen Kooperation mit unseren Rapid-Schulen, sowie an unserem ganz intensiven Fan-Betreuungsprogramm, das schon bei unseren jüngsten Anhängern, den "Greenies", beginnt. Zudem betreuen wir über 160 Rapid-Fanklubs österreichweit, die immer zu unserem Verein stehen. (Thomas Hirner, derStandard.at, 2. Februar 2009)

Zur Person:

Werner Kuhn, geb. im März 1954, ist seit 1995 Manager beim SK Rapid Wien, er ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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    Werner Kuhn: "Ein eigener Nachwuchsspieler von Salzburg riecht bei all den Legionären nicht einmal den Schweißgeruch der Kampfmannschaft."

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