"Da hat wer Schiss vor der Ärztekammer"

29. Jänner 2009, 13:51
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Medizin-Journalist Weiss über obskure Alternativmedizin, den vorsichtigen Minister und die Ärztekammer, die beide Augen zudrückt

In den letzten Jahren seien von Ärzten vermehrt "obskure Verfahren im Alternativmedizinbereich" angeboten werden, meint Medizinjournalist Hans Weiss im Interview mit derStandard.at. Nicht zuletzt deshalb wünscht er sich eine bessere Qualitätskontrolle durch eine unabhängige Agentur in Österreichs Gesundheitswesen. Die Fragen stellte Anita Zielina.

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derStandard.at: Herr Weiss, gibt es zu wenig Qualitätskontrolle in Österreichs Gesundheitssystem?

Weiss: Ja, ein schlichtes Ja, in vielerlei Hinsicht. In Österreich ist es ja zum Beispiel so, dass für Ärzte keine Fortbildung verpflichtend vorgeschrieben ist, anders als etwa in Deutschland. Alleine das zeigt schon einen Mangel an Qualitätsbewusstsein bei der Ärzteschaft. Die sollte eigentlich darauf drängen, dass Ärzte sich weiterbilden, weil sich die Medizin ununterbrochen weiterentwickelt. Es müsste jeder Arzt verpflichtet werden, auf dem neuesten Stand zu sein. Das ist nur ein Aspekt von Qualitätssicherung.

derStandard.at: Es gibt ja eine Qualitätskontrollagentur, die allerdings der Ärztekammer untersteht.

Weiss: Prinzipiell find ich es gut, dass es so eine Institution gibt. Nur dass die Qualität ausgerechnet von der Ärztekammer selbst kontrolliert wird, halte ich für nicht besonders klug. Es ist ja bekannt, dass eine Krähe der anderen kein Auge aushackt. In Deutschland funktioniert das ja auch anders - und besser.

derStandard.at: Denken Sie, dass es zusätzlichen Bedarf für Qualitätssicherung in Österreich gibt?

Weiss: Da gibt es sicher in vielen Bereichen Bedarf, zumindest für Diskussionen. Es ist zum Beispiel so, dass in den letzten Jahren vermehrt von Ärzten obskure Verfahren im Alternativmedizinbereich angeboten werden, die sehr fragwürdig sind. Der Grund für diesen Anstieg: Da können die Ärzte natürlich verlangen, was sie wollen, es gibt keine Kassenverträge oder festgelegten Honorare. Da lässt sich richtig Geld machen.

In diesen Fällen drückt die Ärztekammer beide Augen zu, und wenn das Kontroll-Institut ebenfalls von der Kammer kontrolliert wird, passiert natürlich überhaupt nichts.

derStandard.at: In Österreich hat man oft das Gefühl, Gesundheitspolitik ist ein Kampf. Ärzte gegen Gesundheitsminister, Minister gegen Hauptverband, Hauptverband gegen Ärzte. Kommen Patienteninteressen zu kurz?

Weiss: Leider Gottes ist das so. Die, um die es wirklich geht oder gehen sollte stehen nie im Hauptblickpunkt. Jeder, der im Gesundheitswesen zu tun hat, ist gut organisiert und schützt seine Pfründe. Das führt dann dazu, dass das System so nicht reformierbar ist. Jede Reform stirbt.

derStandard.at: Die Ärzte sprachen von einer Lust des Hauptverbandes, "Big Brother zu spielen".

Weiss: Lächerlich. Ich finde es völlig legitim, dass der Hauptverband, der die Ärzte ja letztlich auch über unsere Beiträge finanziert, die Qualität kontrolliert. Dass der anschafft, der zahlt, ist in allen Bereichen übrig, außer eben im Gesundheitswesen.

Was interessant ist, ist dass sich der Gesundheitsminister gleich mehr oder weniger ungefragt auf die Seite der Ärzte schlägt und gegen den Hauptverband ausspricht - da hat offenbar wer, deutlich gesagt, Schiss vor der Ärztekammer. Aber natürlich müsste man diesen Konflikt eingehen: In dieser Frage finde ich es berechtigt, dass sich der Hauptverband mit den Ärzten anlegt, im Interesse der Patienten und der medizinischen Qualität.

derStandard.at: Thema Medikamentenpreise: Bei vielen Arzneien haben die Preiserhöhungen die Ersparnis durch die Mehrwertsteuersenkung "weggefressen".

Weiss: Das ist kein Wunder. Es ist eine altbekannte Tatsache, dass die Pharmaindustrie sich ihr Geld schon holt. Sie grapscht sich ungerechtfertigt einen immer größeren Teil vom Kuchen, und sie trifft nur auf wenig Widerstand.

derStandard.at: Sie haben in Ihrem Buch geschrieben, dass vor allem die Kassen unter den von der Pharmaindustrie vorgegebenen hohen Medikamentenpreisen leiden. Wieso wehren die Kassen sich dann nicht?

Weiss: Kleine, nationale Kassen haben da fast keine Chance. Da geht es um eine extrem gut vernetzte, mächtige Industrie. Ein Ansatzpunkt wäre die stärkere Verwendung von Generika, die ja viel billiger sind. In Österreich ist der Generika-Anteil weiterhin sehr gering. Es könnte etwa die Kasse dem Arzt vorschreiben, dass er das günstigste Medikament verschreiben muss - und das ist in aller Regel ein Generikum. (Anita Zielina, derStandard.at, 29.1.2009)

Zur Person

Hans Weiss ist Journalist und Autor. Zu seinen Büchern zählen:

"Gesunde Geschäfte - die Praktiken der Pharmaindustrie"

"Bittere Pillen - Nutzen und Risiken von Arzneimitteln"

  • "Es müsste jeder Arzt verpflichtet werden, auf dem neuesten Stand zu sein."
    foto: standard

    "Es müsste jeder Arzt verpflichtet werden, auf dem neuesten Stand zu sein."

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