"Genitalverstümmelung hat nichts mit Islam zu tun"

29. Jänner 2009, 11:31
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Eng verwoben mit Kultur und "massiver Ausdruck eines Patriarchats": Rund 6.000 Frauen in Österreich betroffen, bislang keine Verurteilung von TäterInnen bekannt

Wien - Weltweit sind geschätzte 100 bis 140 Millionen Frauen und Mädchen von Genitalvertümmelung (Female Genital Mutilation FGM) betroffen, in Österreich schätzt man die Zahl der Opfer auf rund 6.000: Ihnen wurden Teile der äußeren primären Geschlechtsteile mit Messern, Glasscherben oder Rasierklingen weggeschnitten. Jährlich werden etwa drei weitere Millionen Mädchen einer Genitalverstümmelung unterzogen, erklärte UN-Sonderbotschafter und Menschenrechtsexperte Manfred Novak bei einer Pressekonferenz am Donnerstag in Wien. "Es ist eine Form der Folter und damit eine schwere Menschenrechtsverletzung", so Novak. Viele Staaten hätten entsprechende Gesetze: "Bei der Durchführung hapert es dann aber." Am 6. Februar begeht die Internationale Gemeinschaft den "Internationalen Tag gegenweibliche Genitalverstümmelung".

"Massiver Ausdruck eines Patriarchats"

Auch in Österreich leben betroffene Frauen. "Genitalverstümmelung hat nichts mit dem islamischen Glauben zu tun, wie viele meinen", betonte Novak. Gründe für die grausame traditionelle Praktik gebe es viele: Vor allem sei es "massiver Ausdruck eines Patriarchats", so Petra Bayr, SP-Sprecherin für Umwelt und Globale Entwicklung und Mitglied der Österreichischen Plattform gegen weibliche Genitalverstümmelung "Stop FGM".

Genitalverstümmelung sei eng verwoben mit Kultur: "In manchen gelten nicht verstümmelte Mädchen als abnormal", berichtete Bayr. In anderen gelten Klitoris und äußeren Schamlippen der Frau als Relikte des männlichen Geschlechts, das Verstümmeln werde mit Reinheit gleichgesetzt oder gelte als fruchtbarkeitsfördernd. "Kultur darf niemals Menschenrechtsverletzungen rechtfertigen", betonte Bayr in diesem Zusammenhang.

Kultursensible Ansätze

Erfolgreich gegen Genitalverstümmelung vorgehen könne man nur mit kultursensiblen Ansätzen und in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Meinungs- bzw. traditionellen FührerInnen. Wichtig sei auch, den Beschneiderinnen ein anderes Einkommen zu ermöglichen.

Keine Verurteilung in Österreich bekannt

Offizielle Zahlen über betroffene Mädchen und Frauen in Österreich gibt es nicht - Schätzungen zufolge sollen es etwa 6.000 sein: "Wobei die meisten davon eher bereits verstümmelt nach Österreich gekommen sind", so Bayr. Die rechtliche Situation im Land sei klar: "Genitalverstümmelung ist eine schwere Körperverletzung und wird mit bis zu zehn Jahren Freiheitsstrafe bestraft, auch wenn das Opfer eingewilligt hat oder die Tat im Ausland begangen worden ist." Die Verjährungsfrist beginnt erst mit der Volljährigkeit des Opfers, zur Verantwortung gezogen werden TäterInnen wie HelferInnen.

Anzeigen habe es in Österreich bereits gegeben - eine Verurteilung ist den ExpertInnen nicht bekannt. Wichtig seien auch entsprechende Schulungen von ÄrztInnen und medizinischem Personal, so die SP-Sprecherin. (APA)

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