Grass: Erosionsschäden der Demokratie

29. Jänner 2009, 11:17
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Literaturnobelpreisträger zieht negative Bilanz: Beispiellose Enteignung und Bevormundung der ostdeutschen Bevölkerung

Behlendorf - Der deutsche Schriftsteller Günter Grass hat eine negative Bilanz von 20 Jahren deutscher Einheit gezogen. Es sei eine Einheit auf Pump gewesen, begleitet von einer historisch bisher beispiellosen Enteignung und von Bevormundung der ostdeutschen Bevölkerung, sagte der Literaturnobelpreisträger im dpa-Interview anlässlich des Erscheinens seines Tagebuchs von 1990 "Unterwegs von Deutschland nach Deutschland" am Donnerstag. Grass sieht starke Erosionsschäden der Demokratie. Notwendig sei jetzt eine umfassende Verfassungsreform.

90 Prozent der Produktionsmittel in westilcher Hand

Grass kritisierte, dass nach 20 Jahren Wende 90 Prozent der Produktionsmittel in den neuen Bundesländern in westlicher Hand sind. Angesichts der festgeschriebenen Eigentumsverhältnisse werde das Reich-Arm-Gefälle zwischen West und Ost noch lange bestehenbleiben. "Ich befürchte, dass wir uns auf all den Gedenkfeiern in diesem Jahr in die Tasche lügen werden, was den Zustand der Nation betrifft - und alles wird noch verstärkt durch die Finanzkrise, die aber damals schon begann." Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) sei zu feige gewesen, Steuern zu erheben. "So wurde die Einheit auf Pump gemacht."

Enteignungen

"In manchen Bereichen sind meine negativen Prognosen übertroffen worden", sagte Grass. Das Ausmaß der Enteignungen habe er sich damals nicht vorstellen können. "Ich hätte mir auch nicht ausmalen können, dass noch 20 Jahre nach dem Einheitsvertrag in Ost und West ungleiche Löhne und Gehälter gezahlt werden - bis hinab zu den Mindestlöhnen, die jetzt endlich zumindest in einigen Bereichen durchgesetzt wurden. Das ist ein Skandal in einem reichen Land!" Grass sprach auch mit Blick auf die Abwanderung von Millionen Menschen nach Westdeutschland und dem in Ostdeutschland starken Rechtsradikalismus von "Ergebnissen eines schiefgelaufenen deutschen Einheitsprozesses".

Erosionsschäden

Die Demokratie in der demnächst 60 Jahre alten Bundesrepublik leidet laut Grass unter Erosionsschäden und muss repariert werden: "Wir sehen, dass unser Parlament von der Lobby umlagert wird. Wir sehen, dass vor dem Gesetz nicht alle gleich sind. Wir erleben Eingriffe in bürgerliche Freiheitsrechte aufgrund der neuen Technologien." Hinzu komme das Problem der Auslandseinsätze. "Es wäre jetzt die Stunde, mit einer wirklichen Verfassungsreform uns eine neue Grundlage zu schaffen." Dabei gelte es auch die Erfahrungen aus dem Finanzcrash zu verarbeiten. "Dazu gehört, dass die Macht der Lobby eingeschränkt wird, dass die Macht der Banken, die keiner demokratischen Kontrolle unterliegen, eingeschränkt wird." (APA/dpa)

 

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    Günter Grass findet offenbar wenig Gutes an den Verhältnissen im geeinten Deutschland.

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