Botschaft an die Schwarz-Weiß-Denker im Kosovo

28. Jänner 2009, 20:34
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Serbiens Botschafter in Wien antwortet Hashim Thaci - Von Dragan Velikic

"Serbien hat im Kosovo nichts verloren, es hat das Land besetzt und hier einen Genozid verübt", sagte Kosovo-Premier Hashim Thaci am Wochenende im STANDARD-Interview. - Serbiens Gesandter repliziert.

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Erstens: Serbien hat in Kosovo und Metohija niemals Völkermord begangen. Keiner der Angehörigen der serbischen Polizei oder Armee oder auch der serbischen Regierung wurde wegen Genozids im Kosovo verdächtigt oder angeklagt. Kosovo-albanische Politiker können versuchen, Tatsachen zu verdrehen und die Wahrheit zu leugnen, aber damit können sie keine neue Wirklichkeit erschaffen. Herr Thaçi wäre besser beraten, wenn er etwas unternehmen würde, um das Schicksal der in den letzten zehn Jahren getöteten, entführten und verschwundenen Serben sowie dem serbischen Staat loyalen Albaner im Kosovo endlich zu klären. Immerhin handelt es sich um 1500 Menschen und Schicksale.

Auch die ehemalige Chefanklägerin des Haager Tribunals Karla Del Ponte hat diesbezüglich in ihrem jüngsten Buch ernsthafte Beschuldigungen wegen illegalen Organhandels im Kosovo und in Albanien erhoben, deren Opfer Serben waren. Zweifellos müssen alle Verbrecher zur Verantwortung gezogen werden. Jeder Versuch, ein schwarz-weißes Bild des Kosovo-Konflikts aufzuzwingen, ist zum Scheitern verurteilt, da dies einfach nicht der Wahrheit entspricht.

Punkt zwei: Serbien hat den Kosovo nicht gewaltsam erobert, denn der Kosovo war lange vor der osmanischen Eroberung dieses Territoriums serbisches Gebiet. Davon zeugen zahlreiche Dokumente und Denkmäler, die Kosovo zur Wiege der serbischen Staatlichkeit, Geschichte, Bildung und Kultur machen. Im Kosovo befinden sich serbisch-orthodoxe Kirchen und Klöster aus dem 12. und 13. Jahrhundert, die unter dem Schutz der Unesco stehen.

Ethnische Säuberung

Leider hat dies nicht verhindern können, dass gerade in den letzten zehn Jahren - vor den Augen der schweigenden internationalen Truppen 150 ebendieser serbischen Kirchen, Klöster und Friedhofe von albanischen Extremisten zerstört, niedergebrannt und geschändet wurden. Dazu sind seit Juni 1999 bis heute - wieder vor den Augen der internationalen Truppen - mehr als 300.000 Serben, Montenegriner, Roma und andere Nicht-Albaner aus ihren Häusern vertrieben worden, so dass hunderte von Ortschaften im Kosovo buchstäblich ethnisch gesäubert sind.

In all diesen Jahren wurde praktisch nichts getan, um die Rückkehr dieser Menschen zu ermöglichen. Heute leugnet niemand, dass die Zahl der in den Kosovo zurückgekehrten Serben sich nur in Promille messen lässt. Und die, die es gewagt haben, zurückzukehren, leben mit ihren wenigen dagebliebenen Landsleuten in Ghettos und müssen täglich um ihre Sicherheit bangen, denn ethnisch inspirierte Gewalt gegen Nicht-Albaner ist immer noch auf der Tagesordnung im Kosovo - trotz internationaler Präsenz. Zur Erinnerung; Nach Beendigung des Nato-Bombardements im Juni '99 sind binnen sechs Wochen alle albanischen Flüchtlinge in den Kosovo zurückgekehrt und leben dort nun in Sicherheit.

Irreversibler Prozess?

Punkt drei: Die Behauptung, dass die einseitig und völkerrechtswidrig ausgerufene Unabhängigkeit des Kosovo und die Anerkennung durch andere Staaten irreversible Prozesse seien, ist durchaus diskutabel, da es weltweit und in der Geschichte zahlreiche Beispiele gibt, die vom Gegenteil zeugen. So haben etwa - nicht mehr und nicht weniger die USA 1979 ihre Anerkennung Taiwans wieder rückgängig gemacht!

Punkt vier: Kosovo ist nach wie vor ein gefährlicher Präzedenzfall und kein Sonderfall, wie manche internationalen Vertreter der Weltöffentlichkeit weiterhin weismachen wollen. Der Krieg in Georgien im August 08 ist eine unmittelbare Folge der einseitigen Unabhängigkeitserklärung des Kosovo gewesen. Entweder gibt es Spielregeln, die für alle und überall gelten - das Völkerrecht, die UNO-Charta, die Helsinki-Schlussakte oder die Beschlüsse der Badinter-Kommission, die die inneren Grenzen der ehemaligen jugoslawischen Teilrepubliken, also auch die Serbiens, als Außengrenzen festgelegt haben - oder wir öffnen der Willkür Tür und Tor, so dass die eine oder andere Großmacht in Zukunft bestimmen kann, was ein Sonderfall ist und wo und ob das Völkerrecht und Gesetze gelten sollen.

Punkt 5: Alle obgenannten internationalen Dokumente besagen, dass die Grenzen eines souveränen Staates nicht einseitig oder mit Gewalt geändert werden dürfen, aber genau das hat man im Fall des Kosovo getan; im übrigen ist Kosovo nie ein Staat gewesen.

Punkt sechs: Alle Aussagen und Versprechen der albanischen Politiker, die jetzt über Demokratie, Menschenrechte, multiethnisches Zusammenleben und euroatlantische Integration reden, stehen leider im krassen Gegensatz zur alltäglichen Praxis. Berichte internationaler Organisationen zeugen von einem florierenden Drogen- und Menschenhandel, von Korruption, weitverzweigten Mafiastrukturen, Verbindungen zwischen Politikern und organisierter Kriminalität und ähnlichen "Errungenschaften" im Kosovo.

Schlussendlich: Es gibt keine andere Lösung, als sich wieder an den Verhandlungstisch zu setzen, um die angehäuften Probleme, die vor allem die Bevölkerung plagen, endlich zu lösen. Nur eine für alle gerechte und von allen akzeptierte Kompromisslösung ist eine stabile und dauerhafte Lösung. Das sagt uns allein der gesunde Menschenverstand. Die einseitig und völkerrechtswidrig ausgerufene Unabhängigkeit des Kosovo hat kein Problem gelöst, sondern nur weitere geschaffen. Beispiele dafür bekommen wir leider täglich zu sehen und zu spüren.

 

Zur Person

Der renommierte Schriftsteller und Essayist Dragan Velikic (geb. 1953 in Belgrad) zählte zu den wichtigsten kritischen Journalisten in der Zeit des Milosevic-Regimes und ist seit 2005 Botschafter Serbiens in Wien. (DER STANDARD, Printausgabe, 29.1.2009)

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