Eltern der Italienerin fordern würdigen Tod

28. Jänner 2009, 20:16
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Ihr Zustand ist irreversibel - Aber Italiens bekannteste Patientin darf nicht sterben - Sie wird künstlich in einem vegetativen Zustand erhalten, der nichts mit Leben gemein hat

Seit 17 Jahren liegt Eluana Englaro nach einem Autounfall im irreversiblen Koma. Ihre Eltern kämpfen darum, sie sterben zu lassen - und lösten damit einen religiösen, ethischen und politischen Langzeitstreit aus - Von Gerhard Mumelter aus Rom

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Die Krankendatei am Fußende ihres Bettes weist die Patientin als Englaro, Eluana Jolanda Giulia aus, geboren am 25. November 1970. Zwei gerahmte Fotos auf dem Tisch zeigen ein dunkelhaariges Mädchen mit gewinnendem Lächeln. Bilder, die jeder Italiener kennt: Eluana im Skianzug, hinter dem Duschvorhang, unter dem Sonnenschirm am Strand.


Doch nach Überzeugung ihrer Eltern ist Italiens bekannteste Patientin seit 17 Jahren tot - seit jenem fatalen Anruf aus dem Krankenhaus, der sie über den Autounfall ihrer Tochter unterrichtete. Seit jenem 18. Jänner 1992 lebt Eluana im irreversiblem Koma. "Nein", stellt Beppino Englaro richtig, "sie lebt nicht. Sie wird künstlich in einem vegetativen Zustand erhalten, der nichts mit Leben gemein hat."

Mutter ist selbst an Krebs erkrankt

Seit Jahren kämpft der 67-jährige aus Lecco darum, seine Tochter würdig sterben zu lassen. "Wir betrachten es als Verpflichtung, ihren Wunsch zu erfüllen", erklärt er mit ruhiger Beharrlichkeit. "Künstlich am Leben erhalten zu werden, war für Eluana eine unerträgliche Vorstellung."
Doch das Anliegen der Eltern wurde zu einem kafkaesken Irrweg durch Italiens Institutionen. Sieben Urteile, unzählige Rekurse, Einsprüche, Gutachten, Verhandlungen. "Ein Inferno, das auch uns umbringt", schildert Beppino Englaro. Seine Frau Saturna ist unterdessen selbst an Krebs erkrankt. "Von den Ereignissen erdrückt", versichert ihr Mann leise.


Wenn er selbst mit seinen Kräften am Ende ist, fährt er für zwei Tage ins nahe Engadin: "Die Schneelandschaft beruhigt mich. Ich kann dort auftanken und fühle mich meiner Tochter nahe. Sie mochte den Schnee."

Polemik und Emotionen

Seit Jahren bewegt der Fall Italien. Er entzweit Ärzte, Politiker und Medien, sorgt für Polemiken und Emotionen. Viele Italiener bewundern die Ausdauer, mit der ein so mild wirkender Mann gegen die Mächtigen in Rom aufbegehrt - diesseits und jenseits des Tibers. Diesseits: die Regierung, die nichts unterlässt, um seinen Wunsch zu hintertreiben. Jenseits: der Vatikan, der den Fall zu einem Kreuzzug gegen die Euthanasie nutzt.

Minister mit Entzug der Geldmittel

Das regierende Rechtsbündnis ging so weit, im Parlament ein Urteil des Obersten Gerichtshofs anzufechten, weil es einen "Konflikt zwischen zwei Staatsgewalten" provoziere. Als im Dezember eine Klinik in Udine ihre Bereitschaft erklärte, den Wunsch der Eltern zu erfüllen, drohte ein Minister mit Entzug der Geldmittel. Und ein am Dienstag ergangenes Urteil des Verwaltungsgerichts der Lombardei will deren Präsident Roberto Formigoni "nicht umsetzen".

Kardinal warnt vor "Euthanasiemord"


Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Angelo Bagnasco, warnte die Region Piemont, ein Krankenhaus für den "Euthanasiemord" zur Verfügung zu stellen: Die Gesetze Gottes, präzisierte Kardinal Ugo Poletto, stünden über menschlichem Regelwerk. Eine Feststellung, die dem Turiner Erzbischof den Beinamen „Ayatollah" einbrachte. Im Mutterland der katholischen Kirche habe „die Justiz abgedankt", klagt Englaro: „Wir leben in einem Staat ohne ziviles Gewissen, der die Freiheit des Einzelnen missachtet."

Streit geht in die Schlussrunde

Doch wenn die Zeichen nicht trügen, geht der Streit nun in die Schlussrunde: Im Friaul will eine Klinik Eluana "jenen unvermeidlichen Tod ermöglichen, den die Ärzte künstlich unterbrochen haben". Danach, gesteht Beppino Englaro, habe er nur noch einen Wunsch: "Ich sehne mich nach der Freiheit, endlich als anonymer Mensch zu leben." Gerhard Mumelter aus Rom, DER STANDARD Printausgabe 28.1.2009)

 

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    Seit 17 Jahren wird Eluana Englaro künstlich am Leben erhalten - gegen ihren Willen, sagt ihr Vater Beppino. Der Kampf gegen die Institutionen sei "ein Inferno, das auch uns umbringt"

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