
Seit 17 Jahren wird Eluana Englaro künstlich am Leben erhalten - gegen ihren Willen, sagt ihr Vater Beppino. Der Kampf gegen die Institutionen sei "ein Inferno, das auch uns umbringt"
Seit 17 Jahren liegt Eluana Englaro nach einem Autounfall im irreversiblen Koma. Ihre Eltern kämpfen darum, sie sterben zu lassen - und lösten damit einen religiösen, ethischen und politischen Langzeitstreit aus - Von Gerhard Mumelter aus Rom
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Die Krankendatei am Fußende ihres Bettes weist die Patientin als Englaro, Eluana Jolanda Giulia aus, geboren am 25. November 1970. Zwei gerahmte Fotos auf dem Tisch zeigen ein dunkelhaariges Mädchen mit gewinnendem Lächeln. Bilder, die jeder Italiener kennt: Eluana im Skianzug, hinter dem Duschvorhang, unter dem Sonnenschirm am Strand.
Doch nach Überzeugung ihrer Eltern ist Italiens bekannteste Patientin seit 17 Jahren tot - seit jenem fatalen Anruf aus dem Krankenhaus, der sie über den Autounfall ihrer Tochter unterrichtete. Seit jenem 18. Jänner 1992 lebt Eluana im irreversiblem Koma. "Nein", stellt Beppino Englaro richtig, "sie lebt nicht. Sie wird künstlich in einem vegetativen Zustand erhalten, der nichts mit Leben gemein hat."
Mutter ist selbst an Krebs erkrankt
Seit Jahren kämpft der 67-jährige aus Lecco darum, seine Tochter würdig sterben zu lassen. "Wir betrachten es als Verpflichtung, ihren Wunsch zu erfüllen", erklärt er mit ruhiger Beharrlichkeit. "Künstlich am Leben erhalten zu werden, war für Eluana eine unerträgliche Vorstellung."
Doch das Anliegen der Eltern wurde zu einem kafkaesken Irrweg durch Italiens Institutionen. Sieben Urteile, unzählige Rekurse, Einsprüche, Gutachten, Verhandlungen. "Ein Inferno, das auch uns umbringt", schildert Beppino Englaro. Seine Frau Saturna ist unterdessen selbst an Krebs erkrankt. "Von den Ereignissen erdrückt", versichert ihr Mann leise.
Wenn er selbst mit seinen Kräften am Ende ist, fährt er für zwei Tage ins nahe Engadin: "Die Schneelandschaft beruhigt mich. Ich kann dort auftanken und fühle mich meiner Tochter nahe. Sie mochte den Schnee."
Polemik und Emotionen
Seit Jahren bewegt der Fall Italien. Er entzweit Ärzte, Politiker und Medien, sorgt für Polemiken und Emotionen. Viele Italiener bewundern die Ausdauer, mit der ein so mild wirkender Mann gegen die Mächtigen in Rom aufbegehrt - diesseits und jenseits des Tibers. Diesseits: die Regierung, die nichts unterlässt, um seinen Wunsch zu hintertreiben. Jenseits: der Vatikan, der den Fall zu einem Kreuzzug gegen die Euthanasie nutzt.
Minister mit Entzug der Geldmittel
Das regierende Rechtsbündnis ging so weit, im Parlament ein Urteil des Obersten Gerichtshofs anzufechten, weil es einen "Konflikt zwischen zwei Staatsgewalten" provoziere. Als im Dezember eine Klinik in Udine ihre Bereitschaft erklärte, den Wunsch der Eltern zu erfüllen, drohte ein Minister mit Entzug der Geldmittel. Und ein am Dienstag ergangenes Urteil des Verwaltungsgerichts der Lombardei will deren Präsident Roberto Formigoni "nicht umsetzen".
Kardinal warnt vor "Euthanasiemord"
Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Angelo Bagnasco, warnte die Region Piemont, ein Krankenhaus für den "Euthanasiemord" zur Verfügung zu stellen: Die Gesetze Gottes, präzisierte Kardinal Ugo Poletto, stünden über menschlichem Regelwerk. Eine Feststellung, die dem Turiner Erzbischof den Beinamen „Ayatollah" einbrachte. Im Mutterland der katholischen Kirche habe „die Justiz abgedankt", klagt Englaro: „Wir leben in einem Staat ohne ziviles Gewissen, der die Freiheit des Einzelnen missachtet."
Streit geht in die Schlussrunde
Doch wenn die Zeichen nicht trügen, geht der Streit nun in die Schlussrunde: Im Friaul will eine Klinik Eluana "jenen unvermeidlichen Tod ermöglichen, den die Ärzte künstlich unterbrochen haben". Danach, gesteht Beppino Englaro, habe er nur noch einen Wunsch: "Ich sehne mich nach der Freiheit, endlich als anonymer Mensch zu leben." Gerhard Mumelter aus Rom, DER STANDARD Printausgabe 28.1.2009)
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Staat und Kirche wollen über Leben und Tod entscheiden. Die fundamentalsten Fragen der menschlichen Existenz werden entprivatisiert und ideologisiert. Dies zeigt das völlige Versagen jeder Ideologie im Angesicht schwerster ethischer Entscheidungen. Diese benötigen ganz besonders differenziertes Abwägen, sorgsames Vorgehen und klares Entscheiden. Das Wesen der Ethik ist es, die Individualität des Menschen und die Besonderheit jedes einzelnen Falls zu berücksichtigen. Keine Institution kann ethische Entscheidungen völlig übernehmen, weil dies zur Rechtlosigkeit des Individuums in seiner Rolle als Staatsbürger führen würde. Hilfreich können Entscheidungsrichtlinien und Erfahrungswerte sein. Auch diese ersetzen nicht die schwere Entscheidung.
Ich verstehe die Eltern voll und ganz und glaube auch, dass es für alle Beteiligten richtig und stimmig wäre, die Frau endlich wirklich einschlafen zu lassen. Allerdings habe ich mich über die Art und Weise, wie das praktiziert wird, informiert: Nahrungsentzug.
Das ist eine grausames und endlos lang dauerndes Sterben, eine Frau hat darüber im Fernsehen berichtet, die ihrem eigenen Kind dabei zusehen musste. Die Ärzte hatten damit gerechnet, dass es nach ein paar Tagen aus sein würde, tatsächlich hat sie noch mehr als 2 Wochen zusehen müssen, wie ihre Tochter gestorben, sprich verhungert ist.
Eine Qual, über die sie nie hinweggekommen ist.
... wenn man in einem irreversiblen Koma liegt?
Qualvoll für den Vater? Vielleicht, aber wenn er damit sich und seiner Tochter den "Seelenfrieden" gibt, wird er das in Kauf nehmen. Für ihn ist seine Tochter tot ...
Ich wünsche ihm alle Kraft der Erde.
Liebe Grüße
....die nicht in der Situation sind.
Seien es lebensverlängernde Maßnahmen, Behandlungsmethoden usw.
Man kann leicht gegen Stammzellenforschung sein, solange man nicht selbst auf ein Herz / eine Leber / wasauchimmer wartet.
Ich wette, dass, sollten sie plötzlich persönlich betroffen sein, sie ganz schnell anderer Meinung sein würden.
Die Kirche als moralische Instanz - dass ich nicht lache....
Grauenvolle Vorstellung. Diese Frau ist nur ein Monat älter als ich und liegt seit ihrem 21 Lebensjahr im Koma.
Ich kenne mich nicht aus, daher frage ich: Wie lange kann man diesen vegativen künstlichen Zustand aufrecht erhalten? Wie lange macht man das? Darf man die Geräte bei Erreichung ihres Durchschnittsalters (83) ausschalten oder wäre das dann auch noch Euthanasie?
Ich wünsche ihr, dass sie das Drama längst nicht mehr mitbekommt und längst an einem schöneren Ort ist - meinetwegen auch mit Schnee.
Ich danke allen für ihre Antworten aber mich Laien würde dennoch interessieren, ob man diesen Zustand grausamerweise nicht in alle Ewigkeit verlängern könnte. Können Geräte den letzen Schritt hinüber wirklich dauerhaft verhindern?
Muss die Entscheidung, die Geräte abzuschalten nicht ohnehin irgendwann getroffen werden? Warum nicht schon jetzt? Wäre es mit 83 etwas anderes als jetzt?
Eine sehr gute Frage, die die Inkompetenz der Ideologie im Angesicht einer der schwersten ethischen Entscheidungen eindrucksvoll zeigt. Wenn es wirklich ein 'vegetative State' = apallisches Syndrom ist, weiß das fachbuch folgendes: Das Syndrom ist gekennzeichnet durch den Verlust kognitiver Funktionen und Wahrnehmung bei erhaltener Wachheit. Der Pat. befindet sich in einer permanenten! sympathikotonen Stressreaktion. Eine Remission ist noch nach Monaten möglich. Mit schweren Residualsymptomen muss jedoch gerechnet werden, wenn nach 6 Wochen noch keine Rückbildungstendenz erkennbar ist. Verweilt der Pat. über 1 Jahr im vegetative state ist von einer Persistenz des Zustands auszugehen. Diese junge Frau befindet sich seit 17 J. darin!
... der Politiker, Ärzte und im Vatikan und wer da sonst noch seinen Senf dazu gibt.
Ginge es nach denen, würde die Frau einmal als älteste Frau in's Guiness-Buch kommen, weil sie nie diese "lebensverlängernden" Maßnahmen aussetzen würden. Lebensverlängernd, ein Hohn, denn das ist wahrlich kein Leben mehr ...
Liebe Grüße
dass die arme eluana seit 17 Jahren tot ist. sie spürt nichts. und abgedankt hat nicht die justiz, sondern die politiker und die kirche, die die klaren vorgaben der justiz hintertreiben, beiseitewischen und ignorieren. kein ruhmesblatt für unser land.
Natürlich muss man gerade bei solchen, die Grenzen der menschlichen Existenz berührenden Fragen sehr sehr vorsichtig sein, aber die Chance, dass sich nach 17 Jahren noch irgendetwas tut, was als spezifische Wahrnehmung oder Ausdruck eines existierenden Ichs gelten kann, ist äußerst gering. Sind Cortex (Kognition) und Thalamus (Tor zum Bewußtsein) irreversibel geschädigt, ist es nur noch ein vegetatives Dahindämmern. Die Diagnose und die Befunde kennen wir natürlich nicht. Und wissen nicht wie sorgsam diese angefertigt wurden.
vor kurzem gab es einen bericht ueber einen mann, dessen gehirn extremst klein war und trotzdem ein normales leben fuehrte.
ausserdem gibt es noch menschen, dei aufgrund eines genetischen schadens keine schmerzen verspueren.
somit werden hirnstroeme alleine nicht ausreichen um dauerhaft zu belegen, dass sie nichts mehr spuert.
zudem ist es glaube ich eindeutig bewiesen, dass auch nach dem guillotinieren (grausliches wort!) noch eine halbe stunde spaeter hirnstroeme gemessen werden konnten.
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