Kein baldiges Ende der Krise

28. Jänner 2009, 18:51
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Die Stimmung war deutlich schlechter als in den Jahren davor: Nur wenige rechnen mit einer Verbesserung der Lage noch heuer

Eine ehrliche Bestandsaufnahme der Finanz- und Wirtschaftskrise hat der Chef des US-Medienkonzerns News Corporation, Rupert Murdoch, zu Beginn des Weltwirtschaftsforums (WEF) in Davos gefordert. "Wir müssen realistisch einschätzen, wo wir stehen", sagte er am Mittwoch. Ein schnelles Ende der Krise erwartet Murdoch nicht. Die meisten Teilnehmer gehen von einer Verbesserung erst Ende nächsten Jahres aus.

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Davos - Um 11.17 Uhr wurden die Zuhörer im Kongresszentrum aufgerüttelt: Sie sollten an einer Spontanumfrage teilnehmen. Nur wenige der Versammelten aus der Wirtschafts- und Politelite hoben die Hand, als gefragt wurde, ob der schlimmste Teil der Krise zu Jahresende vorbei sei. Die überwiegende Mehrheit im Saal schloss sich der Ansicht an, dass es ab Ende 2010 wieder besser laufe. Etwa ein Viertel rechnet erst mit einer Besserung der wirtschaftlichen Lage in drei Jahren.
Die spontanen Reaktionen decken sich in etwa mit den Ergebnissen einer Umfrage, durchgeführt unter mehr als tausend Vorstandsvorsitzenden aus 50 Ländern, die alljährlich von PriceWaterhouseCoopers zum Auftakt des Weltwirtschaftsforums veröffentlicht wird.

Demnach sind nur knapp 21 Prozent der Firmenchefs sehr zuversichtlich, den Umsatz ihres Unternehmens 2009 steigern zu können. Nur 34 Prozent der Befragten prognostizieren auf Sicht der kommenden drei Jahre Erlössteigerungen, vor einem Jahr waren davon noch 42 Prozent überzeugt.
Überraschend ist, dass der Studie zufolge weltweit nur 26 Prozent der Konzernchefs einen Stellenabbau erwarten. 35 Prozent gehen von einer unveränderten, 37 Prozent sogar von einer steigenden Beschäftigtenzahl aus.
Deshalb sorgte die auch in Davos bekannt gewordene Prognose der International Labour Organization (ILO) für Aufsehen, wonach bis zu 51 Millionen Menschen weltweit bis Jahresende als Folge der Wirtschaftskrise ihren Job verlieren könnten. Nach einer "realistischen Einschätzung" werde die Arbeitslosenrate weltweit von 6,0 Prozent zu Jahresende 2008 auf 6,5 Prozent bis Ende 2009 steigen.

Auch der Ökonom Stephen Roach, der so etwas wie das "Orakel von Davos" ist, geht davon aus, dass die nächsten drei Jahre "sehr hart" sein werden. An der Auftaktdebatte sollte auch Lawrence Summers teilnehmen, der für US-Präsident Barack Obama den Wirtschaftsrat leitet. Aber er sagte kurzfristig ab. Deshalb war Laura Tyson, Wirtschaftsberaterin von Obama, eine gefragte Gesprächspartnerin. Um die Finanzmärkte wieder auf Kurs zu bringen, müssten Regierungen die faulen Kredite von Banken wegnehmen und bündeln, forderte sie. Die "Bad Bank" -Idee ist Teil von Obamas 825-Milliarden-Rettungspaket.

Warum das Weltwirtschaftsforum heuer anders als in all den Jahren davor ist, fasste Moderator Robert Friedman zusammen: "Das ist ein Davos zum ersten Mal ohne Wall Street." Er leitete die Diskussion, die bezeichnenderweise den Titel "Die Rückkehr der Macht des Staates" trug. Der Generalsekretär der OECD, der Organisation für wirtschaftliche Kooperation und Entwicklung, Angel Gurría, sieht die Konjunkturankurbelungsprogramme kritisch. In pointierter Weise trug er vor, welche Branchen sich demnächst um Staatsgeld bemühen würden. Bei der Aufzählung, welche Staaten zuerst aktiv geworden seien, nannte er nach Irland und Griechenland Österreich. Er warnte eindringlich davor, den Schuldenabbau zu vernachlässigen.

Der russische Ministerpräsident Wladimir Putin warnte am Abend des ersten Davos-Tagses davor, dass der Staat in der Wirtschaft zu stark werden könnte. Wie sein chinesischer Amtskollege Wen Jiabao konnte sich Putin Seitenhiebe auf die USA nicht verkneifen. "Heute gibt es den Stolz der USA nicht mehr: Die Investmentbanken an der WallStreet." Wen machte das US-System von niedrigen Sparquoten und starkem Konsum für die gegenwärtigen Probleme der Weltwirtschaft verantwortlich. Einzig Wen bot an dem Tage Optimistisches: China sehe Licht am Ende des Tunnels, die Wirtschaft werde heuer um acht Prozent wachsen. (Alexandra Föderl-Schmid, Davos, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.1.1.2009)

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    Dem Andrang auf das Buffet beim Weltwirtschaftsforum entsprach das Gedränge um Obamas Wirtschaftsberaterin, der prominentesten Vertreterin der neuen US-Administration in Davos.

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