Kastration gelungen, Patient tanzt

28. Jänner 2009, 17:51
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Roland Petits Fledermaus-Ballett in der Staatsoper

Wien - Eine französische Übertragung der Operette Fledermaus in ein Ballett präsentiert zurzeit die Wiener Staatsoper. Der heute 85- jährige Choreograf Roland Petit hat das 1874 entstandene Strauß-Werk vor 30 Jahren uminterpretiert und mit seiner Frau Zizi Jeanmaire in der weiblichen Hauptrolle der Bella herausgebracht.

Wieder vier Jahrzehnte davor, also 1939, schufen der Autor Bill Finder und der Zeichner Bob Kane in den USA die Figur des Batman - drei Jahre übrigens, nachdem George Balanchine sein Ballett The Bat in New York uraufgeführt hatte. Die Batman-Referenz ist die einzige, die nun in dem ausgezeichneten Programmbuch von Alfred Oberzaucher nicht vorkommt. Obwohl sich der Choreograf an den Popkultur-Helden herangepirscht hat und dessen „Anti" zeichnet.

Batwoman!

Roland Petit lässt seinen Ehemann-Hallodri Johann (Kirill Kourlaev) die denkbar mickrigsten Flederflügel wachsen und ihn patschert in die Sternennacht flattern. Der Mann landet in einem Lehár- liederlichen Lokal namens Maxim's und vergnügt sich dort intim, bis seine Gattin als Femme fatale in odilenschwarzem Trikot auftaucht. Der Flatterer erkennt sie nicht und verfällt dieser Venus ohne Pelz (Olga Esina). Auch auf einem Maskenball begegnet er der schönen Täuschung, die - diesmal in Zigeunerrot - ihren Johann zum Äußersten treibt, was ihn in Polizeigewahrsam bringt. Bella löst ihn aus, und - Schlüsselszene: Während Johann betroppezt mit seinen mageren Flügerln dasteht, baut sie sich vor ihm auf und öffnet weit ihr schwarzes Cape. Batwoman!

Unter dem Umhang trägt sie einen strahlendweißen Körperstrumpf - und eine Schere, mit der sie ihm die Flugglieder abschneidet. Zu Hause wird sie ihrem Samson Filzpatschen überziehen, nun in einem langen, blauen Kleid, das an die Eingangsszene des Balletts erinnert: Inmitten eines Kreises von Männern ragt eine Frauenfigur empor, ein blauer Engel, umtänzelt von schwarzen Motten, jede mit einem Zipfel ihres Kleides in der Hand - eine Anspielung auf Bronislawa Nijinskas Bolero von 1928.

Des Pantoffel-Batman Joker heißt Ulrich. Er hat Bella die Schere geschenkt, er hat sie zu ihrem Verwandlungsspiel verleitet: Der schlimmste Feind ist also der Nebenbuhler, der nichts will, als den anderen zu vernichten. Das Ende erscheint glücklich. Johann und Bella tanzen Walzer. Ein Paar in Schwarz, das die Tanzhistorikerin Gunhild Oberzaucher-Schüller im Programmbuch über die Dämonie des Sichdrehens im Tanz mit der Metapher des Todes verbindet. Der Paris-Wienerische Batman ist eine Petitesse. Ein mädchensaugender Vampir wollte er sein, als flügelloser Tanzmäuserich endet er. (Helmut Ploebst/ DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.1.2009)

 

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