Benedikt, der Verenger

27. Jänner 2009, 21:03
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"Passiert" ist Joseph Ratzinger seit seiner Wahl zum Papst im April 2005 schon einiges - Von Josef Kirchengast

Es ist wieder was passiert. Das wäre die freundlichste Deutung der Tatsache, dass Papst Benedikt XVI. die Exkommunikation des erzkonservativen britischen Bischofs Richard Williamson aufgehoben hat, gegen den in Deutschland wegen Holocaust-Leugnung ermittelt wird.

"Passiert" ist Joseph Ratzinger seit seiner Wahl zum Papst im April 2005 schon einiges. Etwa die umstrittene Regensburger Rede zum Propheten Mohammed. Oder die Ernennung des Warschauer Erzbischofs Stanislaw Wielgus, der dann in letzter Minute zurücktrat, nachdem seine Mitarbeit beim KP-Geheimdienst bekannt geworden war.

Für das, was jetzt "passiert" ist, gibt es nur zwei Erklärungen. Entweder man kannte Williamsons Haltung im Vatikan nicht - schlimm genug und eigentlich unvorstellbar. Oder der Papst vernachlässigte sie, weil ihm die Einheit der Kirche wichtiger ist als die - von seinem Vorgänger Johannes Paul II. so stark angestrebte - Versöhnung mit den Juden.

Für Letzteres spricht die Rechtfertigung des Vatikan: Williamson sei damals als illegal geweihter Traditionalisten-Bischof exkommuniziert worden. Und um der Einheit der Kirche willen wolle man die Abtrünnigen wieder hereinnehmen. Das heißt: Die Wiederversöhnung mit erzkonservativen Sektierern, die die Öffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils nie mitvollzogen haben, bedeutet Benedikt so viel, dass er dafür noch weit mehr als eine Brüskierung der Juden in Kauf nimmt: die Schwächung der moralischen Autorität des Papstes, die bisher noch über die katholische Kirche hinaus reicht. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.1.2009)

 

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