Verschrottungslogik

27. Jänner 2009, 19:28
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Fünfzehnhundert Euro auf die Hand für jeden, der sein altes Auto verschrotten lässt und ein neues kauft. Bei dieser Ankündigung muss unsereins, in der Vor-Wegwerfgesellschaft aufgewachsen, erst einmal schlucken. Sicher, die Maßnahme hilft der Autoindustrie und damit der Erhaltung von Arbeitsplätzen. Aber eine Belohnung fürs Wegwerfen und Neukaufen?

Ich habe mein altes, aber noch fahrtüchtiges, Auto einer Nichte geschenkt. Seither überlege ich, mein neues Auto ebenfalls loszuwerden und fortan mit öffentlichen Verkehrsmitteln, Taxis und gelegentlich einem Mietauto das Auslangen zu finden. Wäre billiger und umweltfreundlicher. Ganz falsch gedacht, lerne ich jetzt. Alte Autos gehören in die Schrottpresse und neue gehören her. Autokauf ist Bürgerpflicht.

Lange Zeit galt es als Tugend, Sachen gut zu pflegen und möglichst lange zu behalten. Was noch brauchbar war, warf man nicht weg. Den guten Winterpelz vom Großvater erbte dessen Enkel. Bruno Kreisky pflegte mit Stolz auf seine Schuhe zu zeigen, mit den Worten: Mit denen bin ich 1938 in die Emigration gegangen. Und Brot wegwerfen galt in meiner Kindheit als Sünde. Wenn es hart wurde, machte man entweder Semmelbrösel daraus oder verfütterte es an Pferde oder Enten.

Aber so funktioniert unsere Wirtschaft schon lange nicht mehr. Sie lebt davon, dass ständig Neues gekauft wird, und das bringt es notwendig mit sich, dass Altes entsorgt werden muss. Die Berichte über das letzte Weihnachtsgeschäft lasen sich wie Siegesmeldungen. Die Kassen klingelten, und eine Menge Sachen gingen über den Ladentisch, die niemand braucht und die früher oder später im Müll landen werden. Unserem Haus gegenüber wird gerade ein neues gebaut, das dritte an dieser Stelle innerhalb einer Generation. Bei zweien konnte ich zuschauen, wie sie abgerissen wurden.

Läuft da nicht irgendetwas falsch? Wir müssen umdenken und unseren Lebensstil ändern, sagte Barack Obama in seiner Antrittsrede. Aber auch er muss Geld in die marode amerikanische Autoindustrie pumpen. Es geht einfach nicht anders. Zu unabsehbar wären die Folgen, wenn die großen Autofirmen pleitegingen. Einen Vorgeschmack bietet jetzt schon die einst stolze Autostadt Detroit, jetzt die ärmste und kaputteste Stadt in den USA.

Zehntausende haben dort in den letzten Jahren ihren Arbeitsplatz verloren. Das Paradoxe daran: Im Grunde verdankt die Stadt ihr Unglück nicht dem Niedergang, sondern dem Erfolg der Autoindustrie. Dem Auto zuliebe ließ man seinerzeit das öffentliche Verkehrssystem verkommen. Die weiße Mittelschicht zog in die Vorstädte, die Innenstadt verwahrloste und wurde zur Domäne der armen Teufel. Die Autoindustrie hat Detroit reich, aber unbewohnbar gemacht, sagen Soziologen. Jetzt macht sie die Stadt arm und unbewohnbar.

Die Krise macht unser Dilemma offenbar. Einerseits sollen wir bescheiden und nachhaltig leben, andererseits möglichst viel Geld ausgeben, um die Wirtschaft wieder auf Touren zu bringen. Ich bin froh, dass ich mein altes Auto schon verschenkt habe und jetzt nicht über dessen Verschrottung nachdenken muss. (Barbara Coudenhouve-Kalergi, DER STANDARD, Printausgabe, 28.1.2009)

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