Rückkehr zum Keynesianismus - und alles wird gut?

27. Jänner 2009, 19:25
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Auf den Spuren der strukturellen Ursachen der Finanzkrise, am Vorabend des Weltwirtschafts­forums - Von Manfred Drennig

Die Krise hat auch die Konjunkturforscher erwischt. Einige geben schon offen zu, dass die dramatische Verschlechterung der Wirtschaftsdaten mit ihren Modellen nicht mehr zu erklären ist.

Nun gibt es sehr wohl theoretische Erklärungen, die unter Ökonomen sogar kaum bestritten werden. Die finden sich aber nicht in Konjunkturtheorien, sondern in Analysen struktureller Veränderungen. Und sie sind alle nicht erfreulich. So gilt erstens, dass bei freien Märkten internationale Lohnunterschiede auf Dauer nur bestehen bleiben können, wenn sie durch Qualifikationsunterschiede abgesichert sind. Aber das geht zu Ende. Bildung bleibt kein Privileg des Westens. Allein China bildet aktuell mehr Ingenieure aus als ganz Europa.

Zweitens ist unstrittig, dass der ständige technische Fortschritt ebenso ständige Rationalisierungseffekte zu Lasten der Beschäftigung hat. Dieser arbeitssparende technische Fortschritt kann bisher nur durch Wirtschaftswachstum ausgeglichen werden. Wenn aber das Wachstum zurückbleibt, dann steigt die Zahl der Arbeitslosen.

Und drittens gibt es selbst für die immer größer werdenden Einkommensunterschiede recht nüchterne Erklärungen. Zunächst wächst schon heute in den westlichen Industriestaaten eine Unterschicht heran, die mangels ausreichender Qualifikation auf einem Arbeitsmarkt, der immer mehr Qualifikation verlangt, immer weniger Chancen hat. Außerdem wird der Anteil des Kapitals im Produktionsprozess im Verhältnis zur Arbeit weltweit immer höher. Kapital wird stets nur dann investiert, wenn seine Gewinnchancen intakt sind. Damit wird auch sein Anteil am erwirtschafteten Ergebnis immer höher. Investitionen wollen sich rechnen.

Nur ein "Konjunkturtal"?

Zunehmender Lohndruck und steigende Arbeitslosigkeit in den westlichen Industriestaaten, und dazu die Auseinanderentwicklung von Lohn- und von Kapitaleinkommen hängen mit der Eigendynamik des heutigen wirtschaftlichen Geschehens eng zusammen. Marktwirtschaft ist, wie Schumpeter so schön formuliert hat, schöpferische Zerstörung. Aber dazu bedarf es des Wachstums. Wo das fehlt, gibt es zwar Zerstörung, aber sie ist nicht mehr schöpferisch.

Geben wir zu, von all dem hat man in den letzten Jahren der Hochkonjunktur wenig bemerkt. Warum gehen dann alle Indikatoren jetzt auf einmal so schnell und so drastisch nach unten?

Vielleicht deshalb, weil jetzt nicht mehr zugedeckt werden kann, dass wir alle diese Probleme als Strukturprobleme im Hause haben, und nicht nur einen Konjunktureinbruch. Der Zusammenbruch der Konsumfinanzierung über Hypotheken in den USA und die große Bankenkrise haben ja nicht nur ein paar Zocker und Heuschrecken getroffen, sondern Millionen von Hausbesitzern, und noch mehr Sparer, die in den USA mit ihrer Pensionsvorsorge bisher auf den Aktienmarkt vertraut haben. Und sie alle schränken, gezwungen oder aus Vorsicht, ihren Konsum ein. Aber genau dieser Massenkonsum ist in den Industriestaaten bisher der hauptsächliche Motor des Wirtschaftswachstums gewesen.

Das trifft als erstes die Länder, die viel in die USA exportieren, wie etwa China. Wenn aber der Absatz stockt, sind in der nächsten Runde die Investitionen und damit die Investitionsgüterindustrie besonders betroffen - und zwar nach allen theoretischen Modellen und praktischen Erfahrungen stets weit überproportional. Das hat entsprechende Folgen für Länder, in denen die Investitionsgüterindustrie, wie der Maschinenbau, eine besondere Rolle spielt, wie vor allem in Deutschland. Dort hat sich die Bedeutung der Ausfuhren, gemessen am Beitrag zum Sozialprodukt, von 1993 bis 2007 glatt verdoppelt. Aber diese Ausfuhren sind schwergewichtig Autos und Maschinen. Österreichs wirtschaftliche Verflechtung mit Deutschland ist eng, da sind wir keine Insel.

Konsumfinanzierung ...

Es ist richtig, dass anders als 1929 die Regierungen heute rascher reagieren, und die Geldpolitik weltweit schneller auf Expansion geschaltet hat. Aber es gibt einen weiteren Unterschied zu 1929, der auch zu beachten ist, und der nicht positive, sondern negative Effekte hat. Damals war der Konsum der Massen, egal ob in den USA oder in Europa, viel näher am Existenzminimum. Da gab es wenig zu sparen. Die Sparquote war viel weniger flexibel als heute, und vor allem viel weniger von subjektiven Einschätzungen abhängig.

Genau deshalb können sich wichtige Verbraucherdaten in so kurzer Zeit so drastisch verschlechtern. Konsum ist nicht mehr nur eine Frage der Einkommen, sondern auch der Einschätzung der Zukunft. Wenn die sich verdüstert, dann wird mehr gespart.

Zunächst einmal hat die Politik durchaus richtig reagiert. Weil der Geldkreislauf nicht zusammenbrechen darf, war die Rettung der Banken unerlässlich, auch wenn das Image der Banken und Bankiers so schlecht geworden ist, dass dafür nur wenig Begeisterung aufkam.

Natürlich ist es genau so wichtig, der realen Wirtschaft zu helfen. Nur wie? Eine aktuelle Studie von Mountford und Uhlig über die unterschiedlichen Effekte verschiedener wirtschaftspolitischer Maßnahmen zeigt immerhin, dass zumindest in den USA in den vergangenen Jahrzehnten Steuersenkungen mit Abstand das wirksamste Instrument zur Wiederbelebung einer darnieder liegenden Wirtschaft gewesen sind.

... ist kein Allheilmittel

Aber etwas anderes ist noch dringender: Schon heute ist abzusehen, dass eine Reihe von Branchen ernste Finanzierungsprobleme bekommen wird. Daher ist der Appell an die Banken, jetzt ja nicht die Finanzierung der heimischen Unternehmen einzustellen, nur allzu gerechtfertigt - aber nicht ausreichend. Und selbst wenn eine Menge neuer Kredite mit Staatsgarantien ausgestattet wird, hilft das nichts, wenn Gläubiger auf Grund alter Kredite ein Insolvenzverfahren einleiten. Was wir 2009 und wohl auch 2010 zu erwarten haben, das ist eine massive Umverteilung - nur diesmal zu Lasten der Gewinne.

Und daher könnte es dringend notwendig werden, nicht nur Kredite zu fördern und allenfalls zu garantieren, sondern vielmehr Unternehmen und die von ihnen geschaffenen Arbeitsplätze durch eine längere Verlustphase durchzutragen. Das erfordert wohl radikale neue Instrumente, wie etwa Verlustabdeckungsgarantien statt Kreditgarantien, oder überhaupt unter zu definierenden Voraussetzungen die Bereitschaft zum Ausgleich von Verlusten durch Eigenkapital.

Wenn die Befürchtung stimmt, dass wir es mit einer Strukturkrise zu tun haben, die bisher nur durch allzu lockere Konsumfinanzierung zugedeckt wurde, und nicht um eine bloßes Konjunkturtal, dann könnten sich die Herausforderungen von Heute als zu groß erweisen, um allein mit dem traditionellen Keynesianismus von Gestern bewältigt zu werden. Dafür rechtzeitig Instrumente zu entwickeln, statt im Ernstfall zu spät zu kommen, wäre kein Fehler. (Manfred Drennig, DER STANDARD, Printausgabe, 28.1.2009)

Zur Person

Manfred Drennig, früherer stv. General- direktor der Länderbank und Vorstandsmitglied der Bank Austria, ist Finanz-berater in Wien.

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    foto: urban

    Manfred Drennig

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