Sicherheitsforscher als Stratege

27. Jänner 2009, 19:15
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Wie das IIASA kurzfristig, und ohne Porzellan zu zerschlagen, zweimal einen Direktor berief

Die Klosterneuburger Exzellenz-uni I.S.T. Austria ist nicht die einzige Forschungsinstitution vor den Toren Wiens, die einen aufwändig rekrutierten Direktor bereits vor dem Amtsantritt verloren hat. Im Fall des Internationalen Instituts für angewandte Systemanalyse (IIASA) hielt sich der Schaden in Grenzen. Als der designierte Nachfolger von Leen Hordijk vor etwas mehr als einem Jahr seine Zusage zurückzog, war sein (oder ihr) Name noch nicht bekanntgegeben.

Zu spät, auf einen der nachgereihten Bewerber zurückzukommen, war es dennoch. So beschloss der Beirat des von 18 seiner Mitgliedsländer (formal sind nicht die Länder selbst Mitglieder, sondern nationale wissenschaftliche Einrichtungen wie Akademien) finanzierten Instituts, sich nicht unter Zeitdruck setzen zu lassen. Als Hordijk im Mai 2008 seinen neuen Posten als Direktor des Gemeinsamen EU-Forschungszentrums für Entwicklung und Nachhaltigkeit im italienischen Ispra antrat, übernahm sein Stellvertreter Sten Nilsson übergangsweise die Geschäfte in Laxenburg. Wenige Monate zuvor hatten Mitglieder des Beirats der IIASA nunmehr direkt mögliche Kandidaten angesprochen. Nach zwei Vorstellungsrunden fiel im Juni die Entscheidung für Detlof von Winterfeldt.

Der auf Umwelt- und Sicherheitsfragen spezialisierte Entscheidungs- und Risikoforscher war die letzten dreißig Jahre an der University of Southern California (USC) in Los Angeles. Dort hat er schon fast jede Aufgabe im Wissenschaftsmanagement bekleidet und seinen Beitrag geleistet, dass sich die früher als "University of Spoilt Children" verspottete Hochschule zu einer respektierten Forschungsstätte gemausert hat. Von Winterfeldt, der im deutschen Leverku-sen aufwuchs und mittlerweile die US-Staatsbürgerschaft besitzt, schwärmt vom Unternehmergeist der USC. Es sei ohne Gremien und Ausschreibungen möglich, interessante Leute anzusprechen und sie dem Rektorat vorzuschlagen.

2004 gewann er eine Ausschreibung des US-Heimatschutzministeriums und hob das "Center for Risk and Economic Analysis of Terrorism Events" mit dem für dieses Thema unwahrscheinlichen Akronym CREATE aus der Taufe. Geheimforschung wird dort nicht betrieben, ja nicht einmal sensitive Studien, die irgendwo zwischen geheim und öffentlich anzusiedeln sind, betont von Winterfeldt. Nachdem sein Team eine aus dem US-Abgeordnetenhaus stammende Idee, Passagierflugzeuge mit einer auf Laserstörern beruhenden Raketenabwehr auszustatten, analysiert hatte, meldete sich das Heimatschutzministerium: Ob die Bewertung mit den richtigen, aber der Geheimhaltung unterliegenden Zahlen wiederholt werden könne. Die Anfrage wurde abgelehnt.

Etwas von vornherein nicht veröffentlichen zu dürfen kam nicht infrage. Solange man Terroristen nicht in die Hände spielte, sollten alle Regeln universitärer Forschung gelten. Einmal allerdings habe CREATE sich selbst zensiert, nämlich als im Hafen von Los Angeles eine Schwachstelle bei den Kontrollen entdeckt wurde. Die Veröffentlichung hätte Terroristen ein Anschlagsziel verschafft. Obwohl er seinem Institut damals kritische Kommentare der Zeitschrift Science und der LA Times einhandelte, würde Detlof von Winterfeldt heute genauso handeln. (stlö/DER STANDARD, Printausgabe, 28.01.2009)

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