Die einstigen Vorzeige­betriebe schleudert es in die Krise

27. Jänner 2009, 19:00
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Auto- und Metallindustrie bauen Jobs ab

Bratislava - Kurz nach der Euphorie aus der Euro-Einführung Anfang des Jahres erlebt die Slowakei nun die Ernüchterung: Ehemalige Vorzeigeindustrien bauen mehr und mehr Arbeitskräfte ab.

Die Arbeitlosenquote lag im November 2008 bei 7,2 Prozent, stiegt imm Dezember auf 8,4 Prozent und bleibt somit die zweithöchste der EU-Länder (nach Spanien). Die neuesten Daten stehen zwar noch nicht zur Verfügung, die Regionen mit Maschinen- oder Metalltradition dürften sich in Richtung 13 Prozent bewegen.

Als erste haben die Automobilwerke Probleme vermeldet. Die Produktion in den drei größten Betrieben von VW, bei Kia Motors sowie bei Peugeot-Citroën sank um 16,4 Prozent. Das VW-Werk in Bratislava, wo Luxuswagen wie Audi Q7 und VW Touareg sowie die Karosserie für Skoda Octavia und Porsche Cayenne produziert werden, bietet nun jedem Arbeitsnehmer sieben Durchschnittsgehälter, wenn er kündigt. Auch ein "Flexi-Konto" wird eingeführt: Die Leute bleiben zu Hause und werden bezahlt - in "besseren Zeiten" müssen sie dann im Gegenzug unbezahlte Überstunden leisten.

Das VW-Werk hat eine besondere Stellung unter den slowakischen Industrieflagschiffen: Die sozialdemokratische Regierung unter Robert Fico verabschiedete im Dezember eine Steuerermäßigung von 14,3 Millionen Euro, um den deutschen Mutterkonzern zur Erhöhung der Produktionskapazitäten zu motivieren.

Derartige Hilfe dürfen die Betriebe in der Mittel- und Ostslowakei nicht erwarten: Ein der ältesten Metallurgiegiganten Mitteleuropas, Zeleziarne Podbrezová, gehört mit 3500 Arbeitsnehmern zu größten Arbeitsgebern im Land, 90 Prozent ihrer Produktion wird exportiert. 2007 erwirtschaftete das Unternehmen noch einen Gewinn in Höhe von 43 Millionen Euro. Jetzt muss man rund 600 Leute entlassen. Direktor Marián Kurcík sagt, die Produktion sank im Jahresabstand um 50 Prozent: "So einen Verfall haben wir nicht erwartet."

Eine ähnliche Situation herrscht bei US Steel in der ostslowakischen Metropole Kosice: Obwohl noch keine Kündigungen angekündigt wurden, ab Anfang Februar wird die dortige Arbeitswoche nur mehr vier Tage haben, die Arbeitnehmer bekommen 60 Prozent ihres Gehaltes. Mit 14.000 Angestellten ist der Stahlgigant der größte Arbeitsgeber im Land.

Ein Schock ist auch die Schließung des Autokabelherstellers Molex bei Kosice. Die Produktion wird nach Italien und in die USA verlagert, rund tausend Leute verlieren ihre Arbeit. Der US-Konzern Molex tätigte im Jahr 2000 eine der ersten Auslandsinvestitionen in der Slowakei und bekam unter den liberalen Regierungen viele Investitionsanreize. Die Tochter hatte einst den höchsten Gewinn der Gruppe, nicht zuletzt dank der niedrigen Lohnkosten - im Schnitt 500 Euro im Monat. (Lýdia Kokavcová aus Bratislava, DER STANDARD, Printausgabe, 28.1.2009)

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