"Auch Licht kann giftig sein"

27. Jänner 2009, 19:03
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Der Astrophysiker Thomas Posch erforscht die Folgen der Lichtverschmutzung - Warum er um die Wahrnehmung des Sonnenuntergangs fürchtet, erklärte im STANDARD-Interview

STANDARD: Bekannt ist, dass Lichtverschmutzung viele Arten gefährdet. Gibt es da konkrete Beispiele?

Posch: Wir sehen gegenwärtig nur die "Spitze des Eisbergs", da erst bei einigen Arten genauer untersucht wurde, wie künstliches Licht auf sie wirkt. Insekten, besonders Nachtfalter, sind am stärksten betroffen. Man geht davon aus, dass in Österreich etwa zwanzig Milliarden Insekten jährlich an permanent eingeschalteten Leuchten zu Tode kommen.

STANDARD: Wie wirkt sich Lichtverschmutzung auf Menschen aus?

Posch: Im menschlichen Organismus beginnt abends und besonders ab Mitternacht die Ausschüttung des Ruhehormons Melatonin. Sie erfolgt aber nur dann ungehemmt, wenn der Mensch nicht Lichteinflüssen ausgesetzt ist, die deutlich über der Vollmondhelligkeit liegen. Häufig sind wir heute in der Situation, dass unsere Schlafzimmer - auch wenn wir selbst das Licht abschalten - von außen durch künstliche Lichtquellen erleuchtet werden. Ähnlich wie bei Lärm können Schlafstörungen durch Licht die Folge sein. Melatonin ist krebshemmend. Daher ist es logisch, dass Menschen, die künstlichem Licht zu Ruhezeiten ausgesetzt sind, an bestimmten Krebsarten erkranken können. Israelische Forscher fanden kürzlich verstärkte Evidenz dafür.

STANDARD: Gibt es Zahlen und Studien darüber, wie sich das Problem in jüngster Zeit verschärft hat?

Posch: Italienische Forscher fanden eine exponentielle Zunahme der Lichtverschmutzung in der Po-Ebene. Pro Jahr wächst die Lichtverschwendung um sieben Prozentpunkte, wobei der Wert eine Verdoppelung innerhalb eines Jahrzehnts darstellt. Wenn die Entwicklung so weitergeht, würde man bald den Punkt erreichen, wo es nach Sonnenuntergang nicht mehr wahrnehmbar dunkler wird: ideal für eine Non-stop-Gesellschaft, aber fatal für unzählige Lebewesen.

STANDARD: Was schadet: die Art der Beleuchtung oder zu viel Beleuchtung?

Posch: Beides. Die meisten Insekten haben Augen, die für kurzwelliges Licht, somit auch für weißes Licht mit starken Blauanteilen, sehr empfindlich sind. Ihr Sterben an den Laternen kann daher durch die Wahl des Spektralbereichs der Lampen - gelb statt weiß - schon stark reduziert werden. Auch die Zellen, die den menschlichen Tag-Nacht-Rhythmus steuern, sind vor allem für blaues Licht empfindlich. Aber mit einem Übergang zu anderen Lichtfarben wie Gelb ist noch nicht alles getan. Genauso wichtig ist, die Menge der Beleuchtung zu dosieren. Licht wirkt auf Organismen manchmal wie ein wohltuendes Medikament, zugleich aber auch wie eine Art Gift. Vor allem in der zweiten Nachthälfte dürften ziemlich kleine Lichtmengen recht "giftige" Wirkungen haben. (Peter Illetschko/DER STANDARD, Printausgabe, 28.01.2009)

Zur Person
Der Grazer Thomas Posch (34) studierte Astronomie und Physik. Seit 2006 arbeitet er am Institut für Astronomie der Uni Wien.

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