Wenn die Nacht zum Tage wird

27. Jänner 2009, 18:57
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Im heurigen "Jahr der Astronomie" wird auch ein vielfach noch unbeachtetes Umweltproblem thematisiert: die Lichtverschmutzung über Industriestaaten

Lisa Simpson war frustriert. Vater Homer hatte ihr ein Teleskop geschenkt, weil sie die Sterne über Springfield betrachten wollte. Doch die Lichter des Nachthimmels waren aufgrund der grell erleuchteten Stadt nicht zu sehen. Lisa wollte sich damit freilich nicht zufriedengeben: Sie drängte den Bürgermeister, die Lichter abzudrehen.

Der österreichische Astronom Thomas Posch legt seine Überzeugungsarbeit etwas differenzierter an. Viele Argumente würden gegen die Gewohnheit des Menschen sprechen, die Nacht zum Tage zu machen. Die "Nonstop-Gesellschaft" erzeuge Lichtglocken, die sogar aus dem Weltall zu beobachten seien. Die so entstehende Lichtverschmutzung ("light pollution"), die in Industrieländern um etwa sieben Prozent jährlich anwachse, gefährde neben der Astronomie auch einige Tierarten und wirke sich negativ auf den Biorhythmus des Menschen aus - und auf seine Finanzen: Wissenschafter der 1988 gegründeten "Dark Sky Association" haben berechnet, dass die USA mit unnötig aufgedrehten Lichtern jährlich eine Milliarde Dollar verschwenden.

Was man dagegen tun kann? In den USA wurden Gesetze gegen Lichtverschmutzung erlassen. In Europa hat Slowenien eine Vorreiterrolle: Das Land verbietet vor allem die Abstrahlung von Licht nach oben - über die lokale Horizontebene -, also das sinnlose Beleuchten des Himmels und der im Luftraum lebenden Organismen.

An vielen Orten hilft man sich mit Kontrollen: Die spanische Insel Teneriffa setzt, wie die Arte-Dokumentation "Die dunkle Seite des Lichts" (20. 1.; im ORF voraussichtlich im Mai oder Juni) zeigte, Lichtinspektoren ein, um den Nachthimmel zu schützen. Sie achten darauf, dass mehr gelbes als blaues Licht auf der Insel verwendet wird, weil es weniger Widerschein am Himmel hat. Und sie kontrollieren, ob das Licht mittels Reflektoren zur Erde gerichtet ist. Die Astronomen, die nachts das auch bei Touristen sehr beliebte Observatorium der Insel benutzen, können so besser arbeiten. Weltweit ziehen sich Wissenschafter, die ins All blicken wollen, in immer entlegenere Regionen zurück, die, schwach beleuchtet, die Nacht Nacht sein lassen.

Licht als Staubsauger

Viel gravierender noch, weil die Erde unmittelbar betreffend, erscheinen die Folgen der Lichtverschmutzung für Tier und Mensch: Wissenschafter sind sich einig, dass vor allem nachtaktive Insekten an Kunstlicht zugrunde gehen. Sie werden von Straßenlaternen, Tankstellen und Leuchtreklame wie von einem Staubsauger angezogen und kommen dort zu Tode. Gerhard Eisenbeis von der Universität Mainz beobachtet dieses "Gemetzel" seit Jahren - und erkennt frappierende Folgen: 1950 seien noch etwa 50.000 Insekten pro Nacht an eine Leuchte geflogen, im Jahr 2000 zählte er nur mehr 22.

Wer froh ist, lästige Insekten dadurch loszuwerden, denkt wohl zu kurz: 75 Prozent aller Pflanzen sind von der Bestäubung durch sie abhängig. Zoologen wie Eisenbeis sagen daher, ohne Insekten werde es weniger Pflanzen geben. Die weiteren Folgen des Szenarios sind absehbar: Die Landwirtschaft ist gefährdet, und dem Menschen wird eine Grundlage seiner Ernährung entzogen.

Aber nicht nur Insekten seien durch den rund um die Uhr beleuchteten Erdball gefährdet. Die Anziehungskraft des künstlichen Lichts gefährdet ebenso Seeschildkröten, die nach dem Schlüpfen statt zum normalerweise hellsten Punkt, dem sicheren Meer, in Richtung Land ziehen. Auch die Jungen eines bedrohten hawaiianischen Seevogels orientieren sich am Licht bei ihren ersten Flügen. Im Normalfall gibt ihnen das Mondlicht auf dem Wasser die Richtung vor, ist dieses jedoch schwach, fliegen sie häufig in grell beleuchtete Städte und prallen an Gebäude und Türme.

Der Mensch schließlich hat durch Lichtverschmutzung auch nicht zu unterschätzende Probleme. Die innere Uhr wird empfindlich gestört, die Schlafphase ist nicht so erholsam, wie sie sein könnte. Die Störung des Tag-Nacht-Rhythmus kann Auswirkungen auf den Hormonhaushalt haben. Lichtverschmutzung soll eine der Ursachen für das frühere Einsetzen der Pubertät bei Mädchen sein. Auch das Krebsrisiko wird erhöht, wie Forscher kürzlich berichteten.

Für Wissenschafter, die weltweit für einen verdunkelten Nachthimmel eintreten, ist das der endgültige Beweis dafür, dass das Problem nicht zu bagatellisieren ist. Das heurige Jahr der Astronomie wollen sie zum Anlass nehmen, um auf das Problem noch deutlicher als bisher hinzuweisen. Einen Nebeneffekt hat "gutes, also blendfreies Licht" auch noch. Es erhöht das Sicherheitsgefühl in der Nacht - ganz im Gegensatz zu blendendem, schlechtem Licht, von Posch als "criminal-friendly lighting" bezeichnet. Man muss die Beleuchtung ja nicht ganz abschalten, so wie es in Springfield bei den Simpsons schließlich geschah - weshalb Diebe leichtes Spiel hatten. (Peter Illetschko/DER STANDARD, Printausgabe, 28.01.2009)

  • Lichtglocken entstehen über Ballungsräumen in Industrieländern und sind auch vom Weltall aus zu sehen.
    g. antonio milani/science photo library

    Lichtglocken entstehen über Ballungsräumen in Industrieländern und sind auch vom Weltall aus zu sehen.

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