"Grenzen offen halten"

27. Jänner 2009, 18:40
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In Protektionismus zu verfallen, wäre in der aktuellen Krise das Letzte, was die Weltwirtschaft benötigt, betont Ökonom Michael Hüther

STANDARD: Die Große Depression der 30er-Jahre war auch eine Folge der Abschottung. Der britische Premier Gordon Brown warnt bereits vor einer Wiederholung - zu Recht?

Hüther: Da sich die Länder damals nicht auf ein Freihandelsabkommen einigen konnten, dachte man, jeder sucht seinen individuellen Vorteil. Man kann sich aber durch Protektionismus nicht besser stellen. Globale Krisen müssen durch gemeinsames Denken und Handeln beantwortet werden. Eine Chance, den Protektionismus einzudämmen, liegt darin, dass große Volkswirtschaften mehr tun. Beispielsweise Deutschland, das mit seinem zweiten Konjunkturpaket einen wichtigen Impuls setzt.

STANDARD: Doch Russland hat Importzölle auf Autos erhöht, und in Deutschland wird gerade ein Vetorecht gegen Übernahmen ausländischer Interessenten eingeführt.

Hüther: Was jetzt vor allem benötigt wird, ist Kapital. Deshalb sollte man seine Grenzen offen halten. Das Prinzip der Investitionssicherheit ist die richtige Antwort und nicht das Gegenteil. Es gibt ja auch die Kritik, dass die Abwrackprämie den französischen Autobauern zugute kommt und nicht den deutschen. Sie haben in einer internationalen Ökonomie immer Effekte, die über die Grenze hinausgehen. Wenn Sie die französische Automobilindustrie heranziehen, sehen Sie, dass die deutschen Zulieferer wichtige Wertschöpfungsteile bereitstellen. Ein französisches Auto ist somit nur bedingt ein französisches Auto. Die Dinge haben sich gewaltig verändert.

STANDARD: Wie sehen Sie in diesem Umfeld die Chancen auf einen Abschluss der Welthandelsrunde, die in Doha begonnen wurde?

Hüther: Es ist eine missliche Situation, dass die Doha-Runde wegen des Wechsels der US-Administration und der Instabilität in Indien nicht zum Abschluss gekommen ist. Am 2. April findet die nächste Weltwirtschaftskonferenz in London statt. Da haben wir eine ganz gute Chance. Das letzte Kommuniqué aus dem November beinhaltet ein ganz klares Bekenntnis zu Freihandel und internationaler Kooperation. Und wenn man jetzt die ersten Äußerungen der Obama-Administration zur Regulierung der Finanzmärkte hört, geht das ganz in die europäische Richtung.

STANDARD: Aber zum Freihandel gibt es auch skeptische US-Töne.

Hüther: So ähnlich ist auch diskutiert worden, als Bill Clinton ins Amt kam - damals ging es um die Uruguay-Runde. Dennoch ist es relativ zügig - nämlich 1994 - zum Abschluss gekommen. Wir haben jetzt - gerade in der Außenpolitik - relativ viele Personen, die aus der Clinton-Administration kommen. Insofern bin ich da optimistisch. Ich glaube nicht, dass Washington in protektionistische Sichtweisen zurückfallen kann. (Andreas Schnauder, DER STANDARD, Printausgabe, 28.1.2009)

Zur Person

Der Ökonom und Historiker Michael Hüther (46) leitet das Institut der deutschen Wirtschaft.

  •  Michael Hüther
    foto: iw

    Michael Hüther

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