Zwei Drohnen für Wasiristan

27. Jänner 2009, 17:58
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Die neue US-Regierung ist die alte, scheint es den Pakistanis - Obama setzt sich wie Bush über die Souveränität des Landes hinweg und lässt auf mutmaßliche Terroristen zielen

Die Obama-Administration hat sich nur Stunden nach ihrem Amstantritt in einer der unmöglichsten Weltgegenden wiedergefunden: Pakistans Stammesgebieten, einem Chaosgürtel an der Grenze zu Afghanistan, von "B" wie Bajaur bis "W" wie Wasiristan.

Barack Obamas Antwort auf die Taliban- und Al-Kaida-Kämpfer, die sich dort in stark gesicherten Anwesen, zum Teil mit ausgeklügelten unterirdischen Tunnelsystemen verschanzt halten, Munition deponieren und für Gefechte in Afghanistan und gegen die pakistanischen Truppen rüsten, übertrumpfte noch die Antworten, die George W. Bush gegeben hatte oder die zumindest öffentlich wurden - am 21. Jänner wagten CIA-Angehörige und pakistanische Spezialkräfte erstmals einen gemeinsamen Angriff auf eine mutmaßliche Terrorgruppe im Khyber-Stammesgebiet; am selben Tag wurde erstmals auch eine Drohne der US-Armee nahe Peschawar gesichtet, der größten Stadt in diesem Teil Pakistans.

Kontinuität und Verschärfung:Der Kurs der neuen US-Regierung treibt Pakistans Führung weiter in die Enge. Premierminister Yussuf Raza Gilani mag öffentlich versichern, dass die USAkeinesfalls Raketenangriffe auf pakistanischem Boden erlauben werde, doch schon am 23. Jänner schlugen zwei Raketen in Wasiristan ein, töteten angeblich acht Kämpfer, aber auch viele Kinder und Frauen. Pakistans Souveränität steht zur Disposition:Die Obama-Administration führt es vor, die eigenen Politiker im Land geben es zu. 90 Prozent der Nordwestgrenzprovinz, insbesondere das Swat-Tal, seien außerhalb der Kontrolle der Regierung, sagte ein pakistanischer Senator zu Wochenbeginn. Islamabad sollte das Gebiet offiziell zur "Kriegszone" erklären, empfahl Ilyas Bilour; wenn jetzt nichts geschähe, übernähmen die Taliban die gesamte Provinz.

Pakistan ist in vielerlei Hinsicht das Problem und die Lösung im Kampf gegen den islamistischen Terrorismus. 465 Millionen Dollar US-Hilfe im Jahr gingen zuletzt an Pakistan, die Sonderzahlungen an die Armee, deren Verwendung meist unklar blieb, nicht miteingerechnet. Knapp 90 mit Raketen bestückte Drohnen schoss die US-Armee seit März 2008 ohne Billigung der Pakistanis in die Stammesgebiete. Pakistans Wirtschaft hat durch die Finanzkrise noch mehr Schaden genommen, die aus blutigen Wahlen hervorgegangene Regierung scheint schwach, 150.000 Soldaten in den Stammesgebieten und in der Nordwestgrenzprovinz haben bisher nicht vermocht, die Terrorgruppen zurückzudrängen - das Gegenteil ist eher richtig. Der Zugriff zu Pakistans Nukleararsenal schließlich soll durch die technische Hilfe der USAnach 9/11 sicherer geworden sein - wirklich sicher ist er nicht.

Ein Volk von 168 Millionen Einwohnern in ihrem Zorn und ihrer Frustration zu lassen, scheint kaum das erfolgversprechende Rezept für Pakistan zu sein. Richard Holbrooke, Obamas Sondergesandter, soll es nun richten. Doch der Diplomat aus Stahl, der den Westen durch die Kriegsjahre auf dem Balkan schleppte, hat nun einen holprigen Start: Die indische Regierung wimmelte ihn erfolgreich ab, wenn man den Informationen von Foreign Policy glauben will. Holbrooke sollte eine Südasienpolitik für Obama entwickeln, ein Gesamtkonzept für Afghanistan, Pakistan und Indien. Der neue US-Präsident hat sich davon offenbar abbringen lassen.

Holbrooke, der die Bush-Jahre in Thinktanks aussaß, gehörte zu den Kritikern des afghanischen Präsidenten Hamid Karsai. Das mag auch seinen Start in Kabul nicht gerade erleichtern; andererseits bleibt Karsai gar nichts anderes übrig, als mit der neuen US-Regierung zusammenzuarbeiten und Ergebnisse bei der Korruptionsbekämpfung vorlegen, will er weiter an der Macht sein. Für Obamas Team beginnt die Begegnung mit der Wirklichkeit. (Markus Bernath/DER STANDARD, Printausgabe, 28.1.2009)

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