Sarkozy will einen Atom-Riesen schmieden

27. Jänner 2009, 17:56
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Siemens steigt aus dem französischen Nuklearkonzern Areva aus und sucht nach einem neuen Partner

Paris - Die Renaissance der Atomenergie löst eine industrielle Kettenreaktion aus. Der deutsche Siemens-Konzern gab bekannt, er werde den strategischen, 34 Prozent umfassenden Anteil an Areva NP abstoßen. Der Tochterbetrieb des französischen Atomkonzerns Areva baut Kernkraftwerke. Das Mutterunternehmen dürfte 2,1 Mrd. Euro für den Rückkauf des deutschen Minderheitsanteils zahlen. Dieses Geld könnte Siemens laut Zeitungsmeldungen für eine Allianz mit der russischen Atomenergoprom einsetzen. Das Moskauer Unternehmen ist neben Areva das einzige, das ganze AKWs liefern kann.

Politisch brisant ist der Ausstieg von Siemens, weil er kaum freiwillig erfolgt ist. Die Münchner begründeten den Schritt mit mangelnden Einflussmöglichkeiten bei Areva NP. Bisher war diese Kooperation bei den deutsch-französischen Gipfeltreffen regelmäßig als vorbildlich gelobt worden. Hinter den Kulissen arbeiteten Sarkozys Berater an einem rein nationalen Szenario - ohne deutsche Kapitalbeteiligung. Diese galt in Paris, auch wenn das niemand offen sagte, zunehmend als Hemmschuh für Sarkozys hoch fliegende Industriepläne. Auch der technische Beitrag der Siemens-Ingenieure wird nicht mehr gebraucht, nachdem in Finnland und Frankreich die ersten EPR-Kraftwerke in Bau sind.

Sarkozy geht es aber weniger um gesamteuropäische Forschung als um nationale Energieversorgung. Areva ist einer ihrer drei Grundpfeiler, neben Electricité de France und dem Erdölkonzern Total. Der Atomkonzern entstand 2001, als ihn die ehemalige Mitterrand-Beraterin Anne Lauvergeon aus Framatome und der Cogéma fusionierte. Unter Lauvergeon gewährleistet Areva den gesamten Atomkreislauf: Produktion von Uran, Herstellung von Atomkraftwerken, Wiederaufbereitung von Brennstäben.

Doch das genügt Sarkozy nicht. Er will nun auch den Energie- und Transportkonzern Alstom - den direkten Konkurrenten von Siemens - an Areva andocken. Alstom hat starke Verbündete: Der Bauriese Bouygues, der 25,1 Prozent des Alstom-Kapitals hält, will ebenfalls in die Atomwirtschaft einsteigen, um beim betonintensiven Bau von Reaktoren mitzumachen.

Industrie formiert sich neu

Bei einer Fusion von Alstom und Areva erhielte Martin Bouygues, ein dicker Freund Sarkozys, eine Schlüsselrolle in der Atomindustrie. Daneben will auch Total bei Areva ein Wörtchen mitreden. Der Siemens-Ausstieg aus Areva NP wird damit eine Neuformierung der gesamten französische Atomindustrie bewirken.

Experten ziehen weitere Schlüsse: Der kaum kaschierte Rauswurf von Siemens durch die Franzosen zeige, dass die Bildung "nationaler Energie-Champions" in der EU Vorrang genieße. Die politischen Rufe nach geschlossener westeuropäischer Energiepolitik - namentlich gegenüber russischen Anbietern - seien Lippenbekenntnisse.

Siemens-Chef Peter Löscher kündigte nach dem angekündigten Ausstieg aus dem Bau von Atomkraftwerken mit Areva eine rasche Suche nach einem neuen Partner an. Siemens werde sich weiter in der Kernenergie engagieren und zügig Verhandlungen mit möglichen neuen Partnern aufnehmen.

Siemens hat dem Konjunktureinbruch mit einem deutlichen Gewinnsprung im ersten Quartal getrotzt. Die Bestellungen gingen jedoch zurück, an den Gewinnzielen werde fest gehalten. "Ich glaube die schwierigen Quartale liegen noch vor uns", sagte Löscher.

Mit den Arbeitnehmervertretern sei man laut APA in Gesprächen über Kurzarbeit an drei deutschen Standorten. Man werde aber auch andere Möglichkeiten wie den Abbau von Überstunden nutzen. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, Printausgabe, 28.1.2009)

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