Undurchschaubare Verflechtungen

27. Jänner 2009, 17:53
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Ärzte kontrollieren sich selbst - wie ist allerdings nicht nachvollziehbar, kritisiert Patientenanwalt Bachinger

Wien - Wer Ärzte in Österreich kritisiert, erntet die blanke Empörung der Standesvertreter. So geschehen vor drei Tagen als Hans-Jörg Schelling, Vorsitzender des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger, meinte, die Ärztekammer kontrolliere ihre Qualität selbst. "Veraltete Sichtweise" , konterte die Ärztekammer, Kontrolle sei in medizinischen Belangen diffiziler als in einer Fabrik.

Und deshalb gebe es auch vier unterschiedliche Kontrollinstanzen: Disziplinarrat, Ehrenrat, Schlichtungsstelle und die Qualitätssicherung in der Österreichische Gesellschaft für Qualitätssicherung und -management in der Medizin (ÖQMed). Standesrechtliches Fehlverhalten von Ärzten ahndet der Disziplinarrat, schwerwiegende Fälle der Ehrenrat. Beiden Gremien sitzen unabhängige Richter vor. "Sie agieren eigenständig" , betont Kammeramtsdirektor Karlheinz Kux. Im Ehrenrat würden durchschnittlich sieben Fälle pro Jahr behandelt.

Anlaufstelle für Patientenbeschwerden sind die auf Landesebene agierenden Schlichtungsstellen. Qualitätskontrolle allgemein ist über die ÖQMed, einer 100-prozentige Tochter der Ärztekammer, organisiert.

Einzig die Schlichtungsstellen veröffentlichen einen jährlichen Tätigkeitsbericht, Disziplinarrat und Ehrenrat geben keine Auskünfte zu Aktivitäten. "Da vermisse ich Transparenz, ein Grundrecht, das überall außer in der Ärzteschaft erfüllt ist," beklagt Patientenanwalt Gerald Bachinger.

Frage der Perspektive

Auch an der ÖQMed übt Bachinger Kritik. Als Mitglied des wissenschaftlichen Beirates ist er dort zwar beratend tätig, aber erstens ist dieser Beirat seit 2004 nicht mehr einberufen worden und zweitens werden "die Entscheidungen nicht dort, sondern in der Ärztekammer gefällt" , sagt Bachinger. Eine Verhöhnung sei auch der Selbstevaluierungsbogen der ÖQmed, in dem Ärzte ihre Qualität selbst definieren. Wer auf dem 20-seitigen Bogen auch nur einmal ein Nein ankreuzt, löst ein Mängelbehebungsverfahren aus - nach jedem anzukreuzenden steht der entsprechende Hinweis. Und dass die Qualitätskontrolle versage, bewiese auch die eben in der Wiener klinischen Wochenschrift zu Arzneimittelverschreibungsverhalten niedergelassener Ärzte publizierte Studie: Im Durchschnitt schlucken ältere Patienten bis zu sieben Medikamente, ein Drittel unnötig, bei einem Viertel in falscher Dosierung, "Solche Ergebnisse würden nie von der ÖQMed kommen, weil sie die falschen Sachen abfragen" , sagt Bachinger.

In einer ersten Reaktion hat sich Gesundheitsminister Alois Stöger erst einmal hinter die Ärzteschaft gestellt.(Karin Pollack/DER STANDARD Printausgabe, 28. Jänner 2009)

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