"Wir sind ja ungefährlich"

28. Jänner 2009, 14:44
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Linksextreme Gewalt und verprügelte Mitarbeiter: Ein "Get-Together" mit Martin Graf im Parlament

"Schön, dass Sie heute zu mir ins Parlament gefunden haben," sprach Martin Graf am Freitag. Der Dritte Nationalratspräsident hat nach den Anschuldigungen, seine Mitarbeiter hätten Neonazi-Propaganda-Material bestellt, turbulente Tage hinter sich. Deshalb richtete sich die Begrüßung auch nicht an Parlamentskollegen anderer Fraktionen und auch nicht an die seiner Ansicht nach falsch agierenden Journalisten, sondern an die rund 60 Personen, die gekommen waren, um an einer Führung durch die Republiksausstellung und die historischen Räumlichkeiten im Parlament teilzunehmen. Graf hatte dazu mittels Inserat in den Bezirksblättern eingeladen.

Und so trafen Jung und Alt aufeinander: die einen offensichtlich interessiert an der Geschichte der Republik, andere waren gekommen, um Martin Graf persönlich kennen zu lernen. Und es war recht offensichtlich, dass es sich großteils um Anhänger des Dritten Lagers handelte - nicht zuletzt wegen des HC-Strache-Bären, den manch einer mit sich trug.

"Lassen's Ihnen nicht unterkriegen"

Die Führung startete in der Säulenhalle, ein Gruppenfoto wurde geschossen, der Plenarsaal, der historische Sitzungssaal und der Bundesratssitzungssaal besucht. Dann der Höhepunkt: das "Get-Together" mit Graf im Lokal V.

Hier durften die Gäste fragen stellen. "Warum werden Burschenschaften immer wieder zum Thema, obwohl sie doch einfach nur Vereine sind?", will ein Herr wissen. Das versteht der Dritte Nationalratspräsident selber nicht: "Die Tradition der Burschenschaften ist ja älter als die österreichische Republik." Er wisse schon, dass manche Probleme mit den Verbindungen haben, es gebe aber ohnehin keine Zwangsmitgliedschaften. "Wir sind ja ungefährlich. Es gibt Mitbewerber, die uns verbieten wollen, deshalb sind wir wichtiger als je zuvor." Seine Zuhörer stimmen ihm mit Nicken zu.

Auch über sein Privatleben spricht Graf. Durch seine neue Position im Nationalrat sei er natürlich viel bekannter als früher. "So eine Persönlichkeit in der Straßenbahn, sagen die Leute, wenn sie mich sehen." Andere würden ihm gut zusprechen: "Lassen's Ihnen nicht unterkriegen!" Über solche Anekdoten können die Gäste mit ihm lachen.

"Linksextreme Gewalt gibt es zuhauf"

Ernster wird es allerdings, als Graf die Diskussion um seine beiden parlamentarischen Mitarbeiter, die beim rechtsextremen "Aufruhr"-Versand bestellt haben sollen, anspricht. Was genau an den Vorwürfen stimmt, darauf geht Graf nicht näher ein: "Sie haben ja nichts Verwerfliches gemacht." Einer der beiden sei mittlerweile zwei mal zusammengeschlagen worden. "Linksextreme Gewalt gibt es zuhauf. Die Rechten sind ja nicht gewalttätig", stellt Graf seine Gegner an den Pranger. "Genau!", stimmt eine ältere Frau mit heftigen Nicken zu.

Graf nimmt Platz, er hat nach dem 20-minütigen Vortrag offenbar genug gesprochen. Er übergibt das Wort an einen 85-jährigen Besucher. "Heute hat kein Jugendlicher Respekt mehr", zieht der alte Herr Vergleiche mit seiner Kindheit. Er beklagt die angeblich so hohe Gewaltbereitschaft bei Jugendlichen und die jungen Menschen, die heutzutage keine Kinder mehr bekommen. Dazu zitiert er Liedertexte von den Pfadfindern aus seiner Kindheit und meint: "Das wird uns allen noch das Ende bescheren." Da steht Martin Graf wieder auf - und relativiert: "Na, ganz so pessimistisch sehe ich das nicht." Er beendet das Gespräch und lädt seine Gäste noch zu einem Gläschen Wein ein. Und dann gibt es auch noch ein Abschiedsgeschenk: ein Fotoalbum. (Elisabeth Oberndorfer, Rosa Winkler-Hermaden, derStandard.at, 28.1.2009)

  • Der dritte Nationalratspräsident lud ins Parlament - und nutze die Gelegenheit zur Rechtfertigung: "Die Tradition der Burschenschaften ist ja älter als die österreichische Republik."
    foto: derstandard.at/winkler-hermaden

    Der dritte Nationalratspräsident lud ins Parlament - und nutze die Gelegenheit zur Rechtfertigung: "Die Tradition der Burschenschaften ist ja älter als die österreichische Republik."

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Zuvor wurden die Besucher durch die Republiksausstellung geführt.

  • Gruppenfoto mit Martin Graf in der Säulenhalle.
    foto: parlament

    Gruppenfoto mit Martin Graf in der Säulenhalle.

  • "Lassen's Ihnen nicht unterkriegen!", muntern die Gäste Graf  auf.
    foto: derstandard.at/winkler-hermaden

    "Lassen's Ihnen nicht unterkriegen!", muntern die Gäste Graf auf.

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