Entsetzen über Papst Benedikt in Deutschland

27. Jänner 2009, 18:33
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Massive Kritik nach Rehabilitierung von "Holocaust-Bischof" - Juden sehen "neue Eiszeit"

Berlin/Wien/Rom - Die Rehabilitierung des britischen Bischofs und Holocaust-Leugners Richard Williamson durch Papst Benedikt XVI. hat in der deutschen Heimat des katholischen Kirchen-Oberhauptes Entsetzen ausgelöst. Der Zentralrat der Juden in Deutschland befürchtet nach der Aufhebung der Exkommunikation von vier lefebvrianischen Bischöfen eine "neue Eiszeit" im Verhältnis zur katholischen Kirche.

Die Entscheidung des Papstes stelle "einen Schlag ins Gesicht der jüdischen Gemeinschaft und eine Provokation" dar, sagt Zentralrats-Vizepräsident Dieter Graumann. Gegen Williamson ermittelt die Staatsanwaltschaft in Regensburg wegen Holocaust-Leugnung. Er hatte in einem Interview in Regensburg erklärt, dass "200.000 bis 300.000 Juden in den Konzentrationslagern gestorben" seien, aber keiner von ihnen in den Gaskammern. "Inakzeptabel" findet dies die deutsche Bischofskonferenz und verweist auf einen Vertrag zwischen Israel und dem Vatikan aus dem Jahr 1993, in dem gefordert wird, jede Art von Antisemitismus zu bekämpfen.

Mit "Entsetzen und Fassungslosigkeit" reagieren auch Überlebende der Konzentrationslager. "Das ist eine seelische Grausamkeit gegenüber den Überlebenden" , erklären Vertreter. Mahnende Worte kommen auch vom deutschen Bundespräsidenten Horst Köhler. Er sagte am Dienstag, dem Holocaust-Gedenktag, bei einer Feierstunde im Bundestag: "Stellen wir uns an die Seite unserer jüdischen Landsleute. Wer sie angreift, greift uns alle an." Der 27. Jänner ist der Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Er erinnert an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz am 27. Jänner 1945.

Schönborn: "Schändlich"

In Österreich verurteilte der Wiener Erzbischof Kardinal Christoph Schönborn jede Form der Holocaust-Leugnung. "Jeder Christ, der seinen Glauben ernst nimmt, muss sich vor den jüdischen Wurzeln seines Glaubens beugen. Es ist schändlich und beängstigend, dass es immer noch Stimmen gibt, die offen die Shoah leugnen und das Existenzrecht des jüdischen Volkes bestreiten", schrieb Schönborn anlässlich des Holocaust-Gedenktages an den Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg.

"Medien-Bischof" Egon Kapellari sagte am Dienstag zur Aufhebung der Exkommunikation: "Die vier lefebvrianischen Bischöfe wurden seinerzeit wegen ihrer rechtswidrigen Bischofsweihe vom Papst exkommuniziert. Die Aufhebung dieser Exkommunikation durch Papst Benedikt XVI. kann und darf nicht als Billigung der Äußerungen eines dieser Bischöfe über den nationalsozialistischen Massenmord an Juden verstanden werden." (bau, APA/DER STANDARD, Printausgabe, 28.1.2009)

 

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