Bolivien: Umsturz per Stimmzettel

26. Jänner 2009, 20:20
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Erstmals sollen die Quechua, Aymara, Guaraní und die Angehörigen weiterer indigener Völker mit den Nachfahren europäischer Einwanderer und den Mestizen gleichberechtigt werden

Hier "endet die koloniale Geschichte, das Volk hat Bolivien neu gegründet". So bejubelte Präsident Evo Morales den Ausgang des Referendums, bei dem laut Schnellzählung fast 60 Prozent für die neue Verfassung stimmten. Große Worte dürften allen Bolivianern angemessen erscheinen, ob sie zur armen Bevölkerungsmehrheit gehören und Morales unterstützen, oder ob sie im vergleichsweise reichen Osten des Landes leben und am Schluss auf den Sieg des "Nein" hoffen.

Erstmals sollen die Quechua, Aymara, Guaraní und die Angehörigen weiterer indigener Völker mit den Nachfahren europäischer Einwanderer und den Mestizen gleichberechtigt werden, im Parlament verstärkt vertreten sein und in den Gemeinden die eigene Rechtsprechung pflegen dürfen. Das Staatseigentum an den Bodenschätzen wird in dieser Verfassung verankert, die Größe der Latifundien wird (für die Zukunft) limitiert. Präsident Morales könnte sich noch einmal um eine fünfjährige Amtszeit bewerben.

Mit dem letzten Punkt hat Morales, der zuvor die unbegrenzte Wiederwahl anstrebte, der Opposition nachgegeben. Doch die attackiert das Projekt weiter als "indio-kommunistische Schwärmerei" und sieht den Präsidenten jedenfalls geschwächt, weil er bei einem Referendum vor sechs Monaten noch 67 Prozent erhielt. Morales-Anhänger sahen im Ausgang dagegen ein "Nein zur Präpotenz der Rechten". Beide Seiten werden jedenfalls miteinander verhandeln müssen. Voriges Jahr entging Bolivien nur knapp einem Bürgerkrieg. Positiv zu vermerken ist deshalb, dass die Abstimmung am Sonntag ohne Gewaltausbrüche verlief. (Erhard Stackl/DER STANDARD, Printausgabe, 27.1.2009)

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