Fremde in ihrer deutschen Heimat

26. Jänner 2009, 20:15
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Ausgerechnet die Türken sind in Deutschland am schlechtesten integriert - Eine Studie zeigt, dass sie von allen Migranten die geringste Bildung und somit auch die wenigsten Chancen am deutschen Arbeitsmarkt haben

Für die 16-jährige Hülya aus Berlin-Neukölln ist der Weg klar: Schulabschluss, Touristik-Studium, dann raus aus Deutschland, hinein in die große Welt. Ihre Eltern, die 1980 ohne ein Wort Deutsch zu sprechen aus der Türkei nach Berlin kamen, sind stolz und unterstützen die Tochter.

Normalität ist ein solcher Werdegang in Deutschland jedoch noch längst nicht. Im Gegenteil. Am Montag veröffentlichte das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung eine Studie mit erschreckenden Ergebnissen. Gerade die große Gruppe der Türken ist in Deutschland nicht ausreichend integriert. Keine andere Migranten-Gruppe ist so schlecht gebildet und hat daher so schlechte Chancen am Arbeitsmarkt - selbst in der zweiten Generation, also unter jenen Türken, die bereits in Deutschland geboren wurden.

30 Prozent der knapp drei Millionen Türken, die in Deutschland leben, haben keinen Schulabschluss. Nur 14 Prozent schaffen das Abitur (Matura, Anm.). Das sind nicht einmal halb so viele wie in der deutschen Bevölkerung. Unter allen Migranten ist die Zahl der Arbeitslosen bei den Türken mit 31 Prozent am höchsten. "Schon lange im Land - und immer noch nicht angekommen", beschreibt die Studie die Situation. Denn beim Bildungsgrad macht es auch keinen Unterschied, ob jemand schon Jahre hier lebt oder gerade erst gekommen ist.

Die Autoren haben einen "Index zur Messung von Integration" entwickelt. Dieser basiert auf 20 Indikatoren wie Bildung, Heiratsverhalten, Arbeitslosigkeit. Wenig überraschend schaut es am oberen Ende der Skala aus: Die 1,9 Millionen Bürgerinnen und Bürger aus den EU-Ländern integrieren sich am besten in Deutschland. Ein gutes Zeugnis wird auch Aussiedlern ausgestellt. Die 3,9 Millionen Aussiedler (Angehörige einer deutschen Minderheit, deren Familie in Osteuropa lebte) bilden die größte Gruppe der Zuwanderer in Deutschland. Sie haben einen vergleichsweise hohen Bildungsgrad, dementsprechend niedrig ist auch deren Arbeitslosigkeit.

Mehr Ausbildung gefordert

Besser integriert als die türkischen Mitbürger sind Zuwanderer aus dem Fernen und Nahen Osten, Südeuropäer, Bürger aus dem ehemaligen Jugoslawien und Afrikaner. Vor allem mit Blick auf die schlechten Daten bei den Türken nennt sogar die Migrationsbeauftragte der deutschen Regierung, Maria Böhmer (CDU), die Ergebnisse der Studie "dramatisch". Ihr Fazit: "Wir müssen die Anstrengungen verdoppeln, gerade in Zeiten wirtschaftlicher Schwierigkeiten." Sie stellt mehr Weiterbildungsangebote für in Deutschland lebende Türken in Aussicht.

Bilkay Öney, integrationspolitische Sprecherin der Grünen im Berliner Abgeordneten-Haus, nimmt aber auch ihre eigenen Landsleute in die Pflicht: "Integration ist eine Sache von Wollen, Dürfen und Müssen. Viele Türken leben mit dem Körper in Deutschland, mit dem Kopf und dem Herzen in der Türkei", meint sie.

Dass das Problem der mangelnden Integration von Generation zu Generation weitergegeben wird, sieht auch Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts, so. Über die in Deutschland lebenden Türken sagt er: "Sie kamen als Gastarbeiter mit einem ohnehin niedrigen Bildungsgrad, verloren im Zuge des industriellen Strukturwandels vielfach ihre Jobs und haben ihren Kindern nicht - oder nur unzureichend - vermittelt, wie wichtig Bildung mittlerweile in dieser Gesellschaft geworden ist."

Neues Einbürgerungsrecht

Doch mehr Angebote für Bildung sind laut Berlin-Institut nicht der einzige Schlüssel zu besserer Integration. Die Studienautoren empfehlen auch eine Änderung des Einwanderungsrechts nach dem Vorbild der USA oder Frankreich. Wer in Deutschland geboren werde, der solle auch automatisch Anspruch auf einen deutschen Pass haben. Denn, so die Studienautoren: "Sinn dieser Politik ist es, den Menschen ein Zeichen zu setzen, dass sie von Anfang an willkommen sind und gebraucht werden." (Birgit Baumann aus Berlin/DER STANDARD-Printausgabe, 27.1.2009)

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    Halb deutsch, halb türkisch. So gut wie bei diesem Berliner Gemüseladen funktioniert Integration in Deutschland nicht immer. Viele Türken bleiben in Parallelgesellschaften unter sich.

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