"Nostalgiewelle, weil Russland keine Vision hat"

26. Jänner 2009, 20:09
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Irina Prochorowa, eine der angesehensten Publizistinnen Russlands, erläutert im STANDARD-Interview, warum Stalin bei ihren Landsleuten bis heute so populär, sie aber trotzdem optimistisch ist

STANDARD: Vor 65 Jahren, am 27. Jänner 1944, endete die 900 Tage dauernde Belagerung Leningrads durch die deutsche Wehrmacht. Eines der entscheidenden Daten des Zweiten Weltkriegs, die nach wie vor feierlich begangen werden. Wie stark beeinflusst der Mythos des "Großen Vaterländischen Krieges" die Befindlichkeit des heutigen Russland?

Prochorowa: Zu Sowjetzeiten war der Große Vaterländische Krieg der Kern der totalitären Ideologie. Jede Familie, auch meine, war in irgendeiner Weise von diesem furchtbaren Krieg betroffen. Daher war es leicht, die Gefühle der Menschen zu manipulieren. In den 1990er-Jahren gab es viele Versuche, den Weltkrieg neu zu bewerten, in einen globalen Kontext zu stellen und trotz des Sieges auch die tragische Seite zu sehen, die Rolle Stalins und seiner Handlanger, und so weiter.

STANDARD: Inzwischen hat sich das aber offensichtlich wieder geändert.

Prochorowa: Wegen einer totalen Frustration, weil keine Vision von der Zukunft Russlands existiert, gibt es diese Nostalgiewelle, teils für die sowjetische Vergangenheit, teils für die Zeit vor der Revolution. Die Leute suchen ein goldenes Zeitalter in der Vergangenheit. Es gibt keinen gesellschaftlichen Konsens darüber, wie es heute weitergehen soll. In dieser Situation wurde der Große Vaterländische Krieg erneut zu einer Art Ideologie, als wahrscheinlich einziges Ereignis, mit dem sich alle solidarisieren können.

STANDARD: Das ist ja nicht unbedingt etwas Negatives.

Prochorowa: Ich bin nicht prinzipiell dagegen. Aber anstatt dass man es neu bewertet, wird das Ereignis mythisiert, zu einer heiligen Sache gemacht. Deshalb darf man keine Kritik üben - weder an der damaligen Führung, die viele Fehler machte und rücksichtslos gegenüber dem Volk war, noch etwa an den Geheimverhandlungen mit dem Hitler-Regime. In den späten 1980er-Jahren wurde viel über den Ribbentrop-Molotow-Pakt geschrieben (Nichtangriffspakt und Aufteilung Osteuropas zwischen Hitler und Stalin, Red.). Heute ist davon keine Rede mehr. Es findet also eine Art Semi-Restauration dieser autoritären Führung statt, und die schätze ich nicht.

STANDARD: Erklärt das die ungebrochene Popularität Stalins? Der Diktator rangiert ja in der TV-Sendereihe "Der Name Russlands" , in der die Zuschauer über die größten Persönlichkeiten der russischen Geschichte abstimmen können, an dritter Stelle.

Prochorowa: Hinter Fürst Alexander Newskij (er verhinderte im 13. Jahrhundert die Eroberung Nordrusslands durch die Deutschordensritter, Red.) und Pjotr Stolypin (versuchte als Premier von 1906 bis 1911 vor allem landwirtschaftliche Reformen im Zarenreich, Red.). Was sehen die Leute wirklich in Stalin? Seine Figur wurde zum Mythos, zum großen Mann, zum Vater der Nation. Aber das ist nicht der wirkliche Stalin. Es ist eine traurige Ironie, dass eine Person, die für so viele Gräueltaten verantwortlich ist, wieder zu einer großen Figur wurde. Aber ich hoffe, das geht vorbei. Es ist Teil einer Frustration, des Verlusts an Orientierung. In der Geschichte gibt es viele Beispiele dafür.

STANDARD: Muss Russland erst mit seiner Geschichte ins Reine kommen, damit sich eine breitere Zivilgesellschaft entwickeln kann?


Prochorowa: Natürlich. Aber in einem Land, das in jeder Übergangsperiode von der Vergangenheit beherrscht wird, ist diese Vergangenheit voller Fallstricke und zugleich riesige Quelle neuer Ideen. Daran, wie sich der Inhalt der Lehrbücher ändert, kann man die Änderungen in den offiziellen und inoffiziellen Haltungen und in den Tendenzen erkennen.

STANDARD: Welche Tendenzen erkennen Sie?

Prochorowa: Eine Restauration (des alten Systems, Red.) sehe ich nicht, trotz aller Versuche, eine Art nationaler Idee zu schaffen - die glücklicherweise niemand formulieren kann. Eine solche nationale, besser gesagt nationalistische Idee wäre jedenfalls eine sehr schlechte Sache für ein multinationales Land. Ob es etwas anderes sein wird - ich weiß es nicht. Es ist eine Herausforderung für uns Intellektuelle, alternative Visionen für Russlands Zukunft zu entwickeln.

STANDARD: Ist die Ära Putin möglicherweise eine notwendige Übergangsphase, in der Russland noch einmal seine nationale Größe zelebriert, bevor es wirklich zur Bürgergesellschaft werden kann?

Prochorowa: Es geht nicht so sehr um Putin oder einen anderen Führer. Das wirkliche Problem der Bürgergesellschaft ist es, ein horizontales institutionelles Netz gegen autoritäre Tendenzen zu schaffen. Das ist das Wichtigste. Russland hat jede Menge brillanter und aktiver Menschen und andere großartige Dinge. Es geht darum, sie in Institutionen einzubinden, die eine Balance zwischen der Macht und der Bürgergesellschaft schaffen. Jede Macht tendiert zum Autoritären, wenn sie kein Gegengewicht hat. (Josef Kirchengast/DER STANDARD, Printausgabe, 27.1.2009)

Zur Person: Irina Prochorowa ist Gründerin und Herausgeberin der Moskauer "Neuen Literarischen Rundschau" (Nowoje Literaturnoje Obosrenije) und Leiterin des gleichnamigen Verlags, der zwei weitere Kulturzeitschriften herausgibt. Im Wiener Institut für die Wissenschaften vom Menschen (1090, Spittelauer Lände 3) spricht sie am Dienstag ab 18 Uhr über "Russia in search of its history: the grand battles about the past and future.

  • Irina Prochorowa: "Eine nationale Idee, die niemand formulieren kann."
    foto: standard/urban

    Irina Prochorowa: "Eine nationale Idee, die niemand formulieren kann."

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