Grünes Musterland Schweden nimmt sich zurück

26. Jänner 2009, 18:54
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Alternativenergien werden weiter gefördert, aber Vision einer von Öl unabhängigen Gesellschaft schwindet

Stockholm - Noch 2006 gab es in Schweden die Vision, bis 2020 völlig vom Öl wegzukommen. Einen Wahlgang und einen Regierungswechsel später gibt man es billiger.

Nach der Regierungsübernahme im Herbst 2006 zollte der bürgerliche Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt den Bemühungen seines sozialdemokratischen Vorgängers Göran Persson zwar Respekt - von einem "ölunabhängigen Schweden" bis 2020 ist seither aber kaum noch die Rede. Einzig die sozialdemokratische Parteivorsitzende Mona Sahlin gab im Vorjahr mit Blick auf die Reichstagswahlen 2010 der Entschlossenheit Ausdruck, an der Vision der Ölunabhängigkeit bis 2020 festzuhalten.

Perssons Vision hatte vor allem im Ausland Schlagzeilen gemacht. In Schweden selbst bemängelten Experten das - nicht von Kostenanalysen untermauerte - zentrale Ziel, die Produktion von Biobrennstoffen vor allem mittels extensiver Aufforstung um das Zwanzigfache zu steigern.

Bei der Nutzung nachhaltiger Energiesysteme gilt Schweden als Vorreiter. Das Land verursacht einen vergleichsweise geringen Kohlendioxid-Ausstoß (2007: rund 5,8 Tonnen pro Kopf/Jahr), bedient sich in starkem Maße (43 Prozent) erneuerbarer Energien und blickt auf mehr als drei Jahrzehnte gezielter Erforschung alternativer Energiequellen zurück.

Schon 1975, nach der ersten Ölkrise, wurde das erste staatlich geförderte Forschungsprogramm initiiert. Gewann man 1975 noch mehr als 75 Prozent der Energie aus Erdöl, waren es 2006 nur noch 32 Prozent. Der Rückgang beruht vor allem auf dem Vormarsch von Biobrennstoffen beim Beheizen von Wohnungen; für den Großteil des Ölverbrauchs steht mittlerweile der Transportsektor. Seit Jahrzehnten wird zudem die Nutzung alternativer Energiequellen steuerlich gefördert.

Festhalten an Atomkraft

Zur erfreulichen Bilanz vor allem hinsichtlich der Emissionen trägt freilich die Tatsache bei, dass rund 90 Prozent des Stroms in Schweden zu etwa gleichen Teilen aus Atom- und Wasserkraft gewonnen werden. Für die restlichen zehn Prozent stehen hauptsächlich mit Biobrennstoffen betriebene Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen.

Die Regierung Reinfeldt setzt die schwedische Tradition der Förderung "grüner" Energien fort, so mit der Förderung umweltfreundlicher Treibstoffe und der Windkraft, der Energieform mit der derzeit größten Wachstumsrate. Umweltfreundliche Energie soll auch wichtiges Thema des schwedischen EU-Ratsvorsitzes im zweiten Halbjahr 2009 sein.

Für die Erreichung der Umweltziele gilt das Festhalten an der Kernkraft mittlerweile als unabdingbar. 1980 hatte Schweden zwar per Referendum die Abwicklung der Kernkraft beschlossen, für die endgültige Stilllegung wurde jedoch kein Termin festgelegt. (Anne Rentzsch, Stockholm, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.1.1.2009)

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