Suche nach fehlenden Kilowattstunden

26. Jänner 2009, 18:43
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Der jüngste Gaslieferstopp bedeutete Rückenwind für die Proponenten alternativer Energien

Der Gaslieferstopp in der ersten Jännerhälfte bedeutete Rückenwind für die Proponenten alternativer Energien. Sogar Forderungen nach einem völligen Freispielen von Öl- und Gasimporten waren zu hören. Wunsch und Realität klaffen aber noch immer weit auseinander, berichtet Günther Strobl.

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Zwei Wochen blieb der Gashahn zu. Einen halben Monat lang musste der wertvolle Rohstoff, der normalerweise durch Pipelines aus dem fernen Sibirien nach Österreich strömt, aus Speichern unter dem tiefgefrorenen Boden des Marchfelds gepumpt werden. Ein paar Wochen länger, und weite Teile der Industrie hätte die Produktion wegen Gasmangels einstellen müssen. Rund um Ostern hätten auch die Haushalte auf ihren Gasherd pfeifen und sich andere Koch- und Heizgelegenheiten suchen müssen.

"Der Gasstreit zwischen Russland und der Ukraine war Wasser auf die Mühlen all jener, die die Zukunft der Energieerzeugung in Österreich und darüber hinaus im Ausbau der erneuerbaren Energien sehen. Öl und Gas sind von gestern", sagte der Geschäftsführer der auf Pelletskessel spezialisierten Firma KWB im oststeirischen St. Margarethen dem STANDARD.

Modellregionen

Unweit von St. Margarethen, im sogenannten steirischen Vulkanland, hat man schon geraume Zeit vor der Gaskrise überlegt, wie man sich aus der Abhängigkeit von fossiler Energie schrittweise lösen könne. 2007 wurde ein Ideenwettbewerb lanciert zum Thema "100 Prozent eigene Energie". 37 Projekte aus den Bezirken Radkersburg, Feldbach und Weiz wurden eingereicht, elf ausgezeichnet. Einige der Projekte, beispielsweise das Energiemanagementsystem der Gemeinde Kirchbach (Bezirk Feldbach) oder eine energieautarke Landwirtschaft in der Marktgemeinde Tieschen (Bezirk Radkersburg), haben inzwischen Nachahmer in anderen Teilen des Landes gefunden.

Einmal ist es ein Dorf oder eine Stadt wie Kötschach-Mauthen, die ihre Abhängigkeit von Energieimporten senken will. Die Stadt im Kärntner Gailtal etwa will bis 2015 den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen schaffen.

Ein andermal ist es ein ganzer Bezirk oder ein Bundesland, das den Anspruch hat, im Laufe der Zeit energieautark zu werden.

"Es ist gut, wenn man auf lokaler Ebene Schwerpunkte setzt. Wenn es gelingt, ein Drittel des Energiebedarfs aus erneuerbaren Energiequellen darzustellen, ist das toll", sagte Roland Schönbauer von der Regulierungsbehörde E-Control. Biomasse sollte vor allem zu Heizzwecken verwendet werden - als Ersatz für Ölheizungen. "Es wird aber nicht gehen, alle 900.000 Ölheizungen in Österreich durch Holzfeuerung zu ersetzen. Es fehlt der Rohstoff", sagte Schönbauer.

Selbst schnellwachsende Hölzer bräuchten Jahre, bis sie geerntet werden könnten. Und Importe von Biomasse, wie es sie zum Teil jetzt schon gibt, seien aus Umweltgesichtspunkten sowieso abzulehnen.

Stefan Schleicher, Ökonom und Energieexperte, sieht nur dann eine Chance, den Anteil erneuerbarer Energien bis 2020 auf die von der Regierung zugesagten 34 Prozent zu steigern, wenn der Energieverbrauch drastisch eingeschränkt wird (siehe Interview). Gleichzeitig müsse aber in den Ausbau erneuerbarer Energien investiert werden. Gerade da orten Vertreter alternativer Energieformen eine Kluft zwischen dem, was von der Politik gesagt, und dem, was getan wird.

Für Stefan Hantsch von der IG Windkraft etwa ist die Neufassung des Ökostromgesetzes "ein Beweis, dass man an einem raschen Ausbau sauberer Energien nicht interessiert ist". Die im Vorjahr beschlossene Novelle zum Ökostromgesetz kann zwar erst in Kraft treten, wenn die EU-Kommission dazu ihre Zustimmung gegeben hat. Doch schon jetzt zeichne sich ab, dass aufgrund finanzieller Verschlechterungen "heuer kein einziges Windrad neu dazukommt".

"Regierung drückt sich"

Auch Roger Hackstock von Eurosolar bemängelt, dass sich die Regierung "vor ihrer Verantwortung drückt". Zwar gebe es einige Modellregionen in Österreich, die energieautark werden sollen - wofür es auch Programmschwerpunkte gebe.

Es bestehe aber die Gefahr, dass das Umweltministerium zu viel an die Regionen delegiere. So soll etwa, gefördert mit Mitteln des Klimafonds, das Rheintal im Vorarlberg die erste Region werden, in der Elektromobilität auf breiter Basis getestet wird. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.1.1.2009)

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    Durch Forcierung erneuerbarer Energien, zum Beispiel aus Wind, Sonne und Biomasse, soll die Abhängigkeit von Öl und Gas sinken.

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