"Gebäude sanieren oder abreißen und neu bauen"

26. Jänner 2009, 18:00
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Ökonom Stefan Schleicher sieht im STANDARD-Interview in der Raumwärme das stärkste Potenzial, Energie einzusparen

Der Ruf nach Energieautarkie werde aber verpuffen, wenn nicht gleichzeitig sämtliche Sparhebel in Bewegung gesetzt würden.

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STANDARD: Der Gaslieferstopp hat gezeigt, wie abhängig wir von Energieimporten sind. Was wäre zu tun?

Schleicher: Man muss lernen. Gerade die jüngste Krise könnte ein ernsthafter Denkanstoß sein.

STANDARD: Inwiefern?

Schleicher: Wir machen uns viel zu wenig Gedanken, wie sich das Energiesystem in den kommenden Jahren weiterentwickeln soll. Bisher dachten wir, sämtliche Energie, die gebraucht wird, bekommen wir auch - wenn nicht aus dem Inland, dann aus dem Ausland. Jetzt haben wir deutliche Hinweise, dass diese Einschätzung naiv ist.

STANDARD: Als Konsequenz aus der Gaskrise wird wieder lauter nach Energieautarkie gerufen. Zu Recht?

Schleicher: Das ist zu simpel. Zwar spricht viel dafür, die Auslandsabhängigkeit bei Energie zu reduzieren, wo immer es geht. Es wird aber nicht möglich sein, ausländische Energiemengen durch vermehrte Nutzung inländischer Quellen eins zu eins zu ersetzen.

STANDARD: Auf lange Sicht auch nicht?

Schleicher: Nicht so ohne weiteres. Man muss sich nur überlegen, wie schwer wir uns tun, den Anteil erneuerbarer Energien am Gesamtenergieverbrauch von derzeit 23 Prozent auf 34 Prozent bis 2020 zu erhöhen. Ohne Stabilisierung des Energieverbrauchs auf dem Niveau von 2005 haben wir gar keine Chance. Und die 34 Prozent sind im Vergleich zur Forderung nach Energieautarkie noch sehr bescheiden. Dennoch ist es sinnvoll, nachzudenken, wie Österreich energieautark werden könnte.

STANDARD: Warum?

Schleicher: Weil Öl und Gas bis 2050 knapp werden. Das europäische Energiesystem muss bis dorthin ganz anders aussehen. Energie brauchen wir für drei Anwendungen: Gebäude, Mobilität, Produktion. Überall gibt es Sparpotenzial.

STANDARD: Bei Gebäuden ...?

Schleicher:  ... heißt das, dass wir verstärkt auf Plusenergie-Häuser setzen müssen, die mehr Energie produzieren als selbst verbrauchen. Das ist keine Zauberei, solche gibt es schon. Zudem müssten wir ein Programm starten, das da heißt: Gebäude sanieren, wo es geht, oder abreißen und neu bauen. Wenn man bedenkt, dass rund ein Drittel der gesamten in Österreich verbrauchten Energie in die Raumwärme geht, hätten wir damit schon sehr viel eingespart.

STANDARD: Und dasselbe auch beim Verkehr und in der Industrie?

Schleicher:  Im Prinzip schon. Die Zukunft der Mobilität liegt mit hoher Wahrscheinlichkeit bei vollelektrischen Antrieben, die hohe Wirkungsgrade haben. Durch extreme Leichtbauweise könnte zusätzlich Energie gespart werden.

STANDARD: Und in der Produktion?

Schleicher: Da sollten wir auf die Herstellung von Kunststoffen setzen statt auf energieintensive Stoffe wie Stahl oder Aluminium.

STANDARD: Großkraftwerke spielen keine Rolle?

Schleicher: Nein. Weil man die Wärme nicht anbringt, schafft man dort nie hohe Wirkungsgrade. Man sollte stattdessen moderne Kraft-Wärme-Technologien forcieren. Das setzt voraus, dass Anlagen dezentral errichtet werden, vor allem im Bereich Elektrizität und Wärme.  (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.1.2009)

Zur Person

Stefan P. Schleicher (66) ist Professor am Wegener Zentrum für Klima und Globalen Wandel an der Universität Graz und Konsulent des Instituts für Wirtschaftsforschung (Wifo) in Wien.

  • Stefan Schleicher: "Verstärkt auf Plusenergie-Häuser setzen"
    foto: klima- und energiefonds

    Stefan Schleicher: "Verstärkt auf Plusenergie-Häuser setzen"

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