Der unterschätzte Vielschreiber

26. Jänner 2009, 17:55
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Das Aron Quartett erinnert an Bohuslav Martinu

Wien - "Bohuslav Martinu fehlt einfach die Lobby", erklärt Christophe Pantillon, Gründungsmitglied des Aron Quartett, die eher geringe Aufmerksamkeit, die dem Komponisten zuteil wird, dessen Todestag sich am 28. August zum fünfzigsten Mal jährt. "Martinus Name ist ein Begriff, doch aus irgendeinem Grund hat keinen guten Ruf" , wundert sich der Schweizer Cellist. "Dabei hat er viel und schnell komponiert, stand ganz in der handwerklichen Komponiertradition des 18. Jahrhunderts." Pantillon zieht Parallelen zu Haydn, dem großen Jahresregenten 2009.

"Martinu hat sich nicht in Szene gesetzt, er war kein Nationalheld, wie etwa Sibelius in Finnland. Er hat schlicht Musik komponiert und nicht versucht, etwas Großartiges zu machen." Genau das, analysiert Pantillon, stehe der Rezeption im Weg: "Wichtig ist heute ein ‚Etikett‘. Welche Komponisten des 20. Jahrhunderts hört man häufig in Kammermusikkonzerten? Schostakowitsch: er ist der Politische. Oder Schönberg, der Zweifler. Bartok, das ist der mit dem Nationalidiom. So großartig diese Komponisten sind, es gibt auch andere, deren Werke man zu Unrecht selten spielt: etwa die Quartette Hindemiths, Kreneks - oder eben Martinus." Sieben nummerierte Quartette hat Martinu geschrieben.

Komponist mit zehn Jahren

Mit sieben Jahren begann er Geige zu lernen, spielte bald Quartett und schrieb sein erstes Stück für diese Besetzung. "Er war zehn Jahre alt", erzählt Pantillon, "als er Die drei Ritter für vier Streicher komponierte."

Musikalisch biete der Tscheche, der im Laufe seines Lebens in Frankreich, den USA und in der Schweiz eine Wahlheimat gefunden hatte, eine interessante Mischung. "Bei Martinu finden sich in Figurationen und Sequenzen viele Elemente aus dem Barock, die an Bachs Brandenburgische Konzerte erinnern. Er bewunderte Haydn und komponierte als musikalische Verbeugung eine Sinfonia concertante."

Keine Schreibtischrhythmen

Die echte, seelenvolle Aussage spricht den Musiker an. "Mar-tinu komponiert mit Herz, ohne Aufdringlichkeit. Verglichen mit dem spätromantischen Korngold schreibt er klare Musik, dennoch mit viel Liebe, Vitalität, echter Sentimentalität. Das muss man ohne Schwulst vermitteln."

Für die Interpreten ist dies eine große Herausforderung. "Martinu geht oft von den an sich einfachen rhythmischen Mustern der Barockmusik aus und verschachtelt sie. Trotzdem komponiert er keine Schreibtischrhythmen, sie kommen nicht vom Kopf, sondern vom Bauch, man kann sie spüren."
Dass Martinu auch den politischen "Puls" der Zeit zu spüren bekam, wird bei der Beschäftigung mit dem Komponisten - so Pantillon - zu wenig berücksichtigt. Ursprünglich zog es den Tschechen in die Ferne, vor allem nach Frankreich.

"Doch nach dem Anschluss 1938 und dem Zusammenbruch der Tschechoslowakei ein Jahr später galt er als Bürger des Deutschen Reiches, wurde verfolgt und musste fliehen. In den USA war er nicht glücklich, doch was bei Schönberg als tragisches Schicksal gewertet wird, zählt bei Martinu nicht. Er gilt nicht als vertriebener Komponist. Das ist ungerecht." (Petra Haiderer, DER STANDARD/printausgabe, 27.01.2009)

 

28.1.: Musikverein, 20.00

Link:
www.aronquartett.at

  • Cellist Christophe Pantillon und seine Kollegen vom Aron Quartett: Georg Hamann,  Barna Kobori und Ludwig Müller (v. li.).
    foto: aron

    Cellist Christophe Pantillon und seine Kollegen vom Aron Quartett: Georg Hamann, Barna Kobori und Ludwig Müller (v. li.).

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