Mord ist Sport

26. Jänner 2009, 17:49
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Sorokin-Roman als Wiener-Schauspielhaus-Etüde

Wien - Der Tag des Opritschniks, wie ihn der russische Soz-Art-Fantast Vladimir Sorokin in seinem gleichnamigen Roman (2008) mit Blick auf das Jahr 2027 beschreibt, ist eine erfüllende Sache. Ein solcher "Opritschnik" ist ein "Besonderer". Er gehört zur exekutiven Elite eines "Gossudaren", eines Notverordnungs-Zaren mit totalitär nachkolorierten Putin-Zügen. Wer im Zeichen dieses allrussischen Gewaltherrschers arbeitet, das heißt: brandschatzt, mordet, vergewaltigt, macht sich um die Sendung Moskaus als "drittes Rom" verdient.

Auch als Monologkünstler birst unser Gardeoffizier (Max Mayer) beinahe vor slawischer Unrast. Im Wiener Schauspielhaus, wo man im Zwei-Wochen-Takt die Premieren herausschießt und darüber gelegentlich auf das Theaterspielen vergisst, begegnet man einem hasskrähenden Einzeltäter, der in roter Uniformhose die Kräfte der "Beharrung" spektakulär in Grund und Boden tritt.

Wiederum zeigt sich: Das kleine, feine Schauspielhaus-Ensemble würde auch das amtliche Telefonbuch von Tscheljabinsk oder Moschaisk mit Verve und Geschick zum Leben erwecken. Regisseur Kai Ohrem hat in der Wiener Porzellangasse sichtbar Freude an seinem fehlerlos agierenden Protagonisten: Mayer legt an Sorokins Sätze Gesinnungszündschnüre und arbeitet ohne Rast, ohne Ruh' an der Verinnerlichung eines gesellschaftlichen Mordprogramms.

Nicht ohne stille Ergriffenheit wohnt man der Präparierung eines lebenden Projektils bei: Nietzsche lässt grüßen, mit ihm das Konzept des "Übermenschen". Doch wer soll sich durch Etüden wie diese von der Lektüre eines der wichtigsten Autoren der Gegenwartsweltliteratur abhalten lassen? (Ronald Pohl, DER STANDARD/Printausgabe, 27.01.2009)

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