"Der seltsame Fall des Benjamin Button": Rückwärtsrolle mit der Zeitmaschine Kino

26. Jänner 2009, 17:17
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Trotz beträchtlichen Technikaufwands Raum für große Gefühle: Hollywoodstar Brad Pitt in "Der seltsame Fall des Benjamin Button"

Wien - Das Leben wie eine Uhr rückwärts zu drehen ist ein alter Traum der Menschheit. Allzu flüchtige Momente, die an einem vorbeigezogen sind, ließen sich dann noch einmal neu betrachten. Eine Szene zu Beginn von Der seltsame Fall des Benjamin Button führt einem diese Sehnsucht schön vor Augen: Ein gewisser Mr. Gateau (Elias Koteas) baut jahrelang an einer großen Bahnhofsuhr, bei der öffentlichen Präsentation stellt sich aber heraus, dass ihre Zeiger in die falsche Richtung laufen: ein Memento mori für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs. Im nächsten Bild - ein großartiges, pathetisches Bild - sieht man, wie tödlich verwundete Soldaten auf dem Schlachtfeld wiederauferstehen und zurück ins Leben schreiten.

Regisseur David Fincher erinnert uns daran, dass wir mit dem Kino schon über eine Wundermaschine verfügen, mit der man Zeit beliebig manipulieren kann. Warum also nicht einen Schritt weiter gehen und mit Benjamin Button von einem Mann erzählen, der - anstatt zu altern - immer jünger wird? Ein Stoff, wie gemacht für die illusionären Möglichkeiten des Kinos, zumal in den Händen eines Filmemachers, der gegenwärtig zu den größten ästhetischen Innovatoren Hollywoods gehört.

Tatsächlich hat Fincher schon vor seinem letzten Film, Zodiac, mit der Arbeit an dem Projekt begonnen. Mit der Ausdauer eines Besessenen beharrte er darauf, dass nicht Make-up oder unterschiedliche Darsteller den Alterungsprozess veranschaulichen helfen. Brad Pitts Gesicht sollte allein durch digitale Technologie Falten und Runzeln bekommen - und erst am Ende in jene Stellen des fertig abgedrehten Films inkorporiert werden, in denen er von anderen vertreten wird.

Findelkind im Altersheim

Dieser aufwändige Prozess - und das ist die erste Überraschung von Der seltsame Fall des Benjamin Button - ist dem Film kaum anzusehen. Fincher hat eine etwas behäbige Rahmenhandlung um Buttons Geschichte gebaut, doch sobald die Fabel richtig losgeht, ist man von ihren existenziellen Dimensionen eingenommen und denkt nicht mehr an das technische Zauberwerk. Pitts greisenhafte Gestalt unter Senioren - Button wächst als Findelkind in einem Altersheim auf -, ist verblüffend plausibel (auch wenn sie mitunter albern aussieht).

Wie Button zunächst nur im Rollstuhl sitzt, dann die ersten Schritte beim Gottesdienst versucht und irgendwann auch die Haare wieder sprießen - das wirkt beinahe wie eine natürliche Entwicklung. Und das ist die zweite, noch viel effektivere Überraschung dieses außergewöhnlichen Films: Benjamin Buttons Leben erscheint einem gar nicht monströs. Da wächst kein sonderbarer Außenseiter heran, sondern nur ein Mann, der seine Erfahrungen zu anderen Lebenszeiten sammelt.

Der umgekehrte Verlauf ermöglicht es allerdings durchaus, gesellschaftliche Alterskonventionen zu hinterfragen. Ständig werden Unvereinbarkeiten produziert. Dem Mädchen Daisy begegnet Button zuerst im Altersheim, der richtige Moment, sie als erwachsene Frau (Cate Blanchett) zu erobern, währt nur kurz, und dauerhaftes Glück ist ihm ohnehin fremd.

Eigentlich recht profane Fragen bekommen auf diese Weise besonderes Gewicht: Wann ist für eine Entscheidung der richtige Zeitpunkt, und warum wächst die Wehmut um verpasste Chancen selbst dann noch, wenn man jünger wird? Drehbuchautor Eric Roth hält sich nicht sehr streng an die Kurzgeschichte von F. Scott Fitzgerald: Button bricht mit dem Schiff zu Wanderjahren auf, was ihm eine hübsche Hotellobbyromanze mit einer Diplomatengattin (Tilda Swinton) beschert. Er streift den Krieg, verliert einen Freund und besinnt sich seiner Lebensliebe.

Den Kern des Films bilden solch flüchtige Dinge des Lebens: Vergänglichkeiten einer durch und durch sinnlichen Welt, die Fincher mit einiger inszenatorischer Verschwendung neu erschafft. Er formt einen ganz und gar künstlichen Resonanzraum für große Gefühle. Mit Forrest Gump (ein weiteres Buch von Roth) hat das, wie manch ein Kritiker meinte, wenig zu tun: Benjamin Button interessiert sich nur in einem romantischen Sinn für Geschichte - als goldenes Uhrwerk für zwei Zeiger, die in entgegengesetzte Richtungen ticken. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD/Printausgabe, 27.01.2009)

Ab Freitag im Kino

 

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  • Eine Lebensliebe, die sich nur in Momenten realisieren lässt: Benjamin und Daisy beziehungsweise Brad Pitt und Cate Blanchett.
    foto: warner

    Eine Lebensliebe, die sich nur in Momenten realisieren lässt: Benjamin und Daisy beziehungsweise Brad Pitt und Cate Blanchett.

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