Vom Kopfweh zum Gehirntumor

27. Jänner 2009, 16:09
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"Ergoogelte" Krankheiten können harmlose Symptome verschlimmern - Laien informieren, diagnostizieren und therapieren sich im Selbstversuch

Fast 200.000 Treffer erzielt die Suche nach dem Begriff "Sehstörungen" auf Google. Der Betroffene, der danach sucht, macht das meist mit gutem Grund: er will wissen, was seine Symptome bedeuten, welche Erkrankungen damit zusammen hängen können. Das Problem: Sehstörungen können vieles bedeuten - harmlose Kreislaufprobleme bis hin zum Gehirntumor oder schweren neurologischen Erkrankungen. Ähnliches gilt für den Begriff "Kopfschmerz", der gleich auf über zwei Millionen Treffer kommt.

Vom Hypochonder zum Cyberchonder

Das Phänomen der Krankheitsdiagnose im Selbstversuch hat sich parallel mit dem Internet entwickelt - bis hin zur krankhaften Ausprägung. Den Begriff dafür hat der US-Forscher Brian Fallon erfunden. Laut seiner 'Illness Concern Study' ist der Hypochonder heute immer mehr ein 'Cyberchonder'. Die Studie 'E-Health Trends in Europe 2005-2007' gibt ihm Recht - das Internet wird immer mehr zur wichtigen Informationsquelle in Gesundheitsfragen: Fast die Hälfte aller rund 15.000 Befragten nutzen das Internet zu diesem Zweck, das Vertrauen in online Informationen stieg in den vergangenen Jahren um mehr als sechs Prozent. Die aktivsten Nutzer sind junge Frauen bis 30.

Suche mit Nebenwirkungen

"Es gehört zum modernen Leben dazu, dass Menschen ihre Beschwerden googeln. Und wenn sich jemand in online Gesundheitsforen informiert, muss das noch lange nicht mit einer hypochondrischen Störung zu tun haben", schwächt der Klinische und Gesundheitspsychologe Klaus Gruber, der auch an der Uni Wien lehrt, ab. Doch wann wird die Suche nach Krankheiten im Internet pathologisch?

Die hypochondrische Störung ergibt sich für ihn quasi aus den Nebenwirkungen der Suche nach einer Krankheitsursache. Gruber spricht ein Phänomen an, das häufig mit der Cyberchondrie einhergeht - das so genannte Doctor Hopping oder Doctor Shopping: "Wechselt jemand von einem Arzt zum anderen und kann dem Urteil der Ärzte nicht vertrauen, hat er ein Problem." Betroffene suchen innerhalb kurzer Zeit ungewöhnlich viele Mediziner auf um sich mehrere Meinungen einzuholen, können sich aber mit beruhigenden Diagnosen nicht zufrieden geben. "Wenn ein - doch eigentlich zum Glück - negativer Befund eine Halbwertszeit von einem Tag hat, kann das ein Hinweis auf Hypochondrie sein", bringt es der Psychotherapeut auf den Punkt. Dominiert irgendwann die Angst vor der Krankheit das Leben völlig, liegt eine psychische Störung vor.

Es gebe aber noch eine andere Form der Cyberhondrie: Menschen, die überzeugt sind, an einer schweren Erkrankung zu leiden und gerade deswegen nicht zum Arzt gehen. "Sie informieren sich lieber über das Internet, denn solange die Krankheit nicht offiziell von einem Arzt bestätigt ist, muss es ja noch nicht wahr sein", erklärt Gruber und weiß, dass es oft Mischformen unter seinen Klienten gibt.

"Positiv und negativ"

Dass die Zahl der Patienten zunimmt, die sich über Krankheiten selbst im Internet informieren, erlebt auch der Allgemeinmediziner Norbert Jachimowicz, Kurienobmann-Stellvertreter der Niedergelassenen Ärzte der Ärztekammer für Wien. Auch er sieht den Trend der medizinischen Laieninformation differenziert: einerseits mit unangenehmen Begleiterscheinungen für Arzt und Patient, andererseits kann er ihm aber auch gute Seiten abgewinnen. Das eine sind jene Menschen, die Beschwerden haben und dann online nach möglichen Ursachen forschen. "Hier liegt das Gefahrenpotenzial, dass jemand auf viel schlimmere Krankheiten stößt, als real."

Auch Gesundheits-Foren dienen dem Austausch von medizinischen Informationen im Internet. Dort beraten Laien Laien und diagnostizieren sich gegenseitig recht gern die eine oder andere schlimme Krankheit oft mit dem Hinweis 'Ich will dir ja jetzt keine Angst machen, aber...'. Für den Mediziner sind das "Selbsthilfegruppen auf Internetbasis". Ihnen steht er skeptisch gegenüber.

Positiver bewertet Jachimowicz jedoch die Information im Internet über bereits diagnostizierte Krankheiten: „Wenn Patienten wissen, dass sie eine bestimmte Erkrankung haben, kann es - muss aber nicht - hilfreich sein, sich Informationen dazu oder zu oft notwendigen Lebenstiländerungen zu holen.

Kostenfaktor

Oft erlebt er aber auch, dass Patienten, die zu Hypochondrie neigen, bestimmte Arten von Untersuchungen oder Behandlungen haben wollen, weil sie glauben schwer krank zu sein oder diese Möglichkeit ausschließen möchten. "Darauf werden sich auch die Krankenversicherungen einstellen müssen, denn viele geforderte Untersuchungen sind teuer."

Halbrichtig und ungefiltert

Doch worin liegen die Gefahren für den Laien? „Die Informationen können halbrichtig oder gar falsch sein, das kann der Laie nicht kontrollieren", so Gruber. Menschen werden unnötig mit schweren Krankheiten konfrontiert, was Angst schürt. Die zweite Möglichkeit: Die Info stimmt, ist aber nicht für den Patienten gemacht. "Das ist wie bei einem Beipackzettel, die Informationen müssten in ein Fachwissen eingeordnet werden. Denn erhöhte Leberwerte können auf einen Hirntumor hinweisen, aber auch auf einen leichten Schnupfen", so der Psychologe. Besonders ängstliche Laien suchen sich seiner Erfahrung nach tendenziell lieber die schwere Variante aus.

Symptome verstärken sich

Die Suche im Internet und 'eingebildete Krankheiten' können aber auch zu einer Symptomverstärkung führen. "Das Problem ist so alt wie die Medizin selbst", weiß Jachimowicz. Der Allgemeinmediziner erklärt das Phänomen so: "Die Furcht vor einer Krankheit oder einzelnen Symptomen lenkt die Aufmerksamkeit auf bestimmte Körperregionen und die Symptome treten erst recht auf." Die Schmerzen sind dann tatsächlich da, nur die Ursache kann differenziert sein. "Die Aussage 'die Schmerzen bilden Sie sich ein' ist Nonsens", so der Mediziner.

Hintergründe der Selbstrecherche

Was sind die Gründe für das gesteigerte Informationsbewusstsein der Menschen? Gruber sieht die Gründe im Gesellschaftlichen: "Verschiedene Vorsorgekampagnen und vermehrte Nachrichten über Pandemien tragen dazu bei, dass sich der Wissensdurst der Menschen verstärkt. Zusätzlich wird Gesundheit heute immer mehr zur Industrie, das rennt bei hypochondrischen Menschen offene Türen ein."

Wie das Pickerl beim Auto

Gruber gibt Menschen, die zur Angst vor Krankheiten neigen folgen Tipp: "Nicht von der ersten Information beeindrucken zu lassen, denn der erste Link im Web muss nicht der mit der richtigen Information sein. Man sollte sich lieber Informationen aus mehreren Quellen besorgen und auf Grundsätzliches vertrauen." Er sieht eine Analogie zum Autofahren: "Ich kann damit rechnen, dass das Auto in Ordnung ist, wenn einmal im Jahr ein Pickerl gemacht wurde und werde erst bei konkretem Anlass in die Werkstätte fahren. Trotzdem muss ich mich um mein Auto gut kümmern (richtiges Benzin tanken, ab und zu putzen, Reifendruck prüfen, Öl nachfüllen, Anm.). Ich werde aber nicht täglich den Motor zerlegen um nachzusehen ob eh alles passt. Das macht dann schon die Werkstatt beim nächsten Pickerl." (Marietta Türk, derStandard.at, 28.1.2009)

Links

Studien zum Thema Cyberchondrie:

'E-Health Trends in Europe 2005-2007'

Studie von Microsoft (pdf)

Illness Concern Study

Buchtipp

Die Angst vor Krankheit
verstehen und bewältigen

Hans Morschitzky, Thomas Hartl

17.50 EUR
Kreuz Verlag
ISBN-10: 3783131952
ISBN-13: 9783783131956

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    Zuviel medizinische Informationen im Netz macht Laien unter Umständen Angst

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