Zugereist

26. Jänner 2009, 09:00
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Uni, Liebe, Arbeit oder Flucht sind nicht die einzigen Gründe, in Wien gelandet zu sein

Es war kurz nach Neujahr. Wir saßen und standen in irgendeiner Küche - und irgendwie kam das Gespräch darauf, was jeden von uns hierher verschlagen hatte. Nicht in diese Küche, sondern nach Wien.

A. und ich hatten den langweiligsten Part: Hier geboren. Hier aufgewachsen - und immer wieder hierher zurückgekommen. Trotz allem. Das, fanden wir, sei und klänge nicht wirklich spritzig.

Diaspora

Schon gar nicht im Vergleich zu anderen Geschichten. Geschichten von Eltern, die aus Südamerika, dem Iran, der Tschechoslowakei, der UdSSR oder sonstwoher hierher geflohen waren. (Und früher einmal tatsächlich freundlich aufgenommen worden waren.) Geschichten von abenteuerlichen Reisen im Kindesalter, von denen man Jahrzehnte später im Detail oft nicht mehr sagen konnte, was real, was erzählt-erlebt und was schlicht verklärt war.

Wir hörten Geschichten von entwurzeltem Aufwachsen in Wiener Gastarbeiter- und Ghettowelten, geprägt von Ablehnung und Missachtung durch Lehrer und Gleichaltrige hier - und dem Nichtzusammenpassen der idealisierten Geschichten der Eltern über die alte Heimat und dem, was man im Urlaub dann dort sah und erlebte.

Klebenbleiben

Und es gab Geschichten vom Klebenbleiben: Manchmal wegen irgendwelcher Jobs. Öfter wegen der Liebe. Einmal auch wegen des Studienplatzes (Medizin). Und bei denen, die vom Land waren war da immer auch ein wenig von der Anfangs stets für garantiert gehaltenen, dann aber doch immer mühsam zu suchenden oder gar zu erkämpfenden Offenheit der Stadt die Rede.

Nur B., die Gastgeberin, sagte lange Zeit nichts. Bis sie gefragt und bedrängt wurde: Von Norwegen über New York nach Wien, ist schließlich nicht selbstverständlich. Erst recht nicht, wenn die familiären Optionen Barcelona, Hamburg und Amsterdam lauten.

B. zierte sich. Aber dann stand sie doch auf und holte eine ziemlich abgegriffene Karte von der Pinwand: Das sagte sie, bevor sie die Karte herumreichte, sei ihr Grund. Die Karte sei ihr in Berlin in die Hände gefallen. Und, nein, sie sei nie Apokalyptikerin gewesen: Der Spruch habe sie nur neugierig gemacht - und mittlerweile genösse sie, dass er stimme.

Auf der Karte standen zwei kurze Sätze: "Wenn die Welt untergeht, geh nach Wien. Denn dort passiert alles fünf Jahre später." (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 26. Jänner 2009)

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