"Wir werden um Finanzmittel kämpfen"

26. Jänner 2009, 13:12
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Artur Mettinger, Vizerektor der Uni Wien

Die Employability ihrer Bachelors sei der Uni Wien ein Anliegen, sagt Vizerektor Arthur Mettinger. Mit Heidi Aichinger sprach er über die Arbeit des Bologna-Büros und über seine Pläne für 2009.

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STANDARD: Die Erweiterungscurricula wurden als Teil des "Major-Minor-Modells" von Bachelorstudien an der Universität Wien erstmals 2005 vorgestellt. Welche Ideen standen bzw. stehen heute dahinter?

Mettinger: Die Universität Wien will als Bildungsinstitution ihren Studierenden die Möglichkeit bieten - auch besonders auf das Bachelor-Studium bezogen - Kompetenzen zu erwerben, die nicht durch das so genannte Hauptfach abgedeckt sind. Besonders relevant ist dieses Modell für die Bereiche Sozialwissenschaften, Geistes- und Kulturwissenschaften und auch Bildungswissenschaften.

STANDARD: Ziel ist also ein größeres Maß an Flexibilität in den Ausbildungswegen zu bieten?

Mettinger: Ja. Eine Bildungsinstitution muss zukunftsoffen sein und ihren Studierenden möglichst individualisierte Bildungsverläufe ermöglichen. Und bei einer Universität mit 72.000 Studierenden muss das in ein System gebracht werden, weil es sonst administrativ und von der Qualitätssicherung her nicht mehr handhabbar sein würde. Dadurch, dass die Erweiterungscurricula - wenn Sie so wollen - "Minicurricula" darstellen, die durch dieselben Qualitätssicherungsprozesse laufen wie Regelcurricula, ist eben auch eine Qualitätssicherung entsprechend gewährleistet.

STANDARD: Wie kann man sich das Modell nun in der Praxis vorstellen?

Mettinger: Das Bachelorstudium English and American Studies etwa umfasst 180 ECTS-Punkte. Es ist ein dreijähriges Studium, das 120 ECTS-Punkte für das Hauptstudium vorsieht und weitere 60 ECTS-Punkte offen lässt, die man nach Belieben belegen kann. Als Student habe ich nun die Möglichkeit aus dem zur Zeit bestehenden Angebot aus 61 Erweiterungscurricula entweder zwei mal 30 ECTS-Punkte oder vier mal 15 ECTS-Punkte oder eine andere Zusammenstellung zu buchen. Das kann man halten wie man möchte.

Der Vorteil dieses Systems ist, dass die Administration für die Studierenden mit der Buchung von Erweiterungscurricula erledigt ist. Ein weiteres Spezifikum besteht darin, dass die Studierenden bis Ende des ersten Studienjahres Zeit haben, sich passende Inhalte zu suchen. Zudem besteht die Möglichkeit, ein Erweiterungscurriculum abzuwählen und ein anderes zu nehmen. Wir versuchen das System so flexibel wie möglich zu gestalten.

STANDARD: Diese Inhalte sind aber nur aus dem Angebot der Uni Wien wählbar? Oder darf man dafür auch an andere Universitäten gehen?

Mettinger: An sich schon. Diese Möglichkeit haben Studierende nach wie vor. Es ist aber ein etwas komplizierteres Verfahren, da andere Institutionen nicht über das Instrument der Erweiterungscurricula verfügen. Hier werden wir aber noch aus der Erfahrung lernen müssen. Wenn es interessante Angeboten an anderen Universitäten gibt, dann werden wir versuchen, unseren Studierenden auch die Ausschöpfung dieser Angebote zu ermöglichen.

STANDARD: Wissen Sie wie andere europäische Universitäten mit diesem Thema umgehen?

Mettinger: Hier gibt es unterschiedliche Modelle. Manche Universitäten, wie etwa die FU Berlin, bauen verstärkt berufsspezifische Module ein. Wir haben uns gegen dieses Modell entschieden, weil wir der Meinung sind, dass Universitäten ihren Fokus auf wissenschaftliche Berufsvorbildung legen sollen und nicht die Aufgabe haben, für ganz spezifische Berufe auszubilden.

STANDARD: Als Abgrenzung zu den Fachhochschulen...

Mettinger: Zum einen ist das als eine gewisse Abgrenzung zu den Fachhochschulen zu sehen. Zum anderen aber ist es so, dass wir als große Universität, die eine enorme Vielzahl an fachlichen Kombinationen anbietet, unseren Studierenden genau das als Positivum anbieten wollen.

STANDARD: Nach welchen Indikatoren wurden die bestehenden 61 Erweiterungscurricula ausgewählt?

Mettinger: Ein Großteil ist ein Angebot an jenen Fächern, die als freie Wahlfächer besonders stark nachgefragt waren. Hier sind wir von den bisherigen Erfahrungen ausgegangen. In Hinblick auf die Employability ist uns das aber noch zu wenig. Hier wollen wir noch stärker berufsrelevante Qualifikationen ermitteln.

STANDARD: Der Arbeitsmarkt hat auf diese Absolventen bislang nicht besonders euphorisch reagiert...

Mettinger: Es ist eine große Aufgabe der Universitäten als Bildungsinstitutionen, die Marke Bachelor bekannter zu machen. Ein dafür gutes Instrument ist etwa das "Diploma Supplement", das jede Absolventin und jeder Absolvent mit dem Abschluss mitbekommt. Zukünftigen Arbeitgebern werden damit Lernergebnisse, Kenntnisse und Kompetenzen der jungen Kolleginnen und Kollegen transparenter dargestellt.

Die Universität Wien fühlt sich für die Employability ihrer Absolventinnen verantwortlich. Allerdings sehen wir das in einer wechselseitigen Verbindlichkeit. Wir möchten unseren Studierenden und zukünftigen Studierenden ein gut abgestimmtes, qualitativ hochstehendes Angebot machen, erwarten aber im Gegenzug, dass sie sich ernsthaft mit den Studieninhalten auseinander setzen. Und wir gehen davon aus, dass man versuchen sollte, die Bachelor Studien als Vollzeitstudien zu absolvieren.

STANDARD: Wie lange könnte es noch dauern, bis die Akzeptanz von Bachelor-Abschlüssen den gewünschten Stand erreicht hat?

Mettinger: Aus dem Bauch heraus würde ich schätzen, dass es noch fünf Jahre dauern wird. Wir dürfen nicht vergessen, dass der Großteil an Abschlüssen heute noch Abschlüsse von Diplomstudien sind. Wenn man den Aussagen der Wirtschaftskammer folgt, besteht aber ein grundsätzliches Interesse der Wirtschaft. Ein für uns wesentlicher Faktor ist zudem, dass wir erwarten, dass auch der öffentliche Dienst Karrieremöglichkeiten für Absolventinnen und Absolventen von Bachelorstudien eröffnet.

Denn letzten Endes haben die Bildungsminister und damit auch die Politik die Bologna-Erklärung unterschieben. Und da dürften wir als Universitäten auch erwarten, dass gerade der öffentliche Dienst attraktive Beschäftigungsmöglichkeiten für Bachelors anzubieten beginnt. Das ist nach meinem Wissen noch nicht geschehen. Andererseits ist es aber schon so, dass der erste Schritt über Arbeitsplatzbeschreibungen schon gesetzt wurde. Das formale System scheint hier noch etwas nachzuhinken.

STANDARD: Das Bologna-Büro, in dessen Bereich auch die Beratung bei der Erarbeitung der Erweiterungscurricula gefallen ist, wurde 2008 geschlossen. Was wurde erreicht und an welchen Themen wird in welcher Form weitergearbeitet?

Mettinger: Das als Projekt angelegte Bologna-Büro der Universität Wien hat in Zusammenarbeit mit dem Senat und dem Rektorat exzellente Arbeit geleistet.

Wir haben fast alle unsere Studien in einer sehr seriösen, zukunftsorientierten und relativ konfliktfreien Art und Weise in das Bologna-System übergeführt. Es bleiben jetzt noch einige Studien, wo die curricularen Arbeitsgruppen auf dem Weg sind: das ist Theater-, Film- und Medienwissenschaft, das ist die Internationale Entwicklung und die Psychologie. Hier ist der Weg klar vorgezeichnet. Im Bereich der Rechtswissenschaften, der Katholische Theologie und in der Pharmazie wird es noch Abstimmungsgespräche mit den Berufsverbänden geben.

Beginnend mit 2009 wurde das Center for Teaching and Learning eingerichtet, das u.a. die Aufgabe hat, die Arbeit des Bologna-Büros fortzuführen. Im Speziellen betrifft das auch die Studien, die noch nicht in die Bologna-Architektur übergeführt worden sind. Zusätzlich nimmt das Center for Teaching and Learning die Aufgabe wahr, die Entwicklung entsprechender didaktischer Modelle für die unterschiedlichen Studienphasen und -zyklen voranzutreiben.

So etwa werden wir uns mit der Didaktik der Studieneingangsphase beschäftigen -dazu gehört auch das Lehren und Lernen mit neuen Medien. Ziel ist es, die Umsetzung der neuen Curricula und die Umsetzung der "Learning Outcomes" entsprechend didaktisch zu unterstützen, damit zur Profilentwicklung der Lehre an der Universität Wien beizutragen und dafür neue Instrumente zu entwickeln.

Als Projekt ist das Center for Teaching and Learning bis 2010 aufgesetzt. Danach soll entschieden werden, ob es eine dauerhafte Einrichtung werden soll oder nicht.

STANDARD: Wäre das nicht sinnvoll?

Mettinger: Ich würde es sehr begrüßen. Wir gehen hier aber Schritt für Schritt vor, weil wir auch Erfahrungen sammeln müssen. Dass sich die Universität Wien in diesem Bereich zu einem europäischen Leuchtturm in Fragen der Lehre und der Lehrentwicklung entwickelt hat, ist sehr positiv. Da sind wir auf einem guten Weg.

STANDARD: Was steht für 2009 noch am Plan?

Mettinger: Zum einen die Beauftragung weiterer Erweiterungscurricula, zum anderen auch ein intensiver Diskurs mit den Bildungspolitikern in der Frage der Weiterentwicklung der Lehramtsstudien.

Auch werden wir uns mit der Frage der Studieneingangsphase beschäftigen: Welche Zielkompetenzen sollen am Ende der Studieneingangsphase stehen? Über welche Kompetenzen sollen - vor allem im Bachelor-Studium - die Kolleginnen verfügen? Zudem denken wir auch daran, einen Teil der Masterstudien berufsbegleitend zu konzipieren - das ist nicht nur eine organisatorische, sondern auch eine didaktische Frage. Und in Hinblick auf die Internationalität der Universität Wien stellt sich auch die Frage, welche Studien - speziell im Master- und im PhD-Bereich - wir in englischer Sprache anbieten sollen.

Das Grundprinzip ist immer, qualitativ hochstehende und internationalen Standards entsprechende Lehre anzubieten. Dass das durch die finanziellen Rahmenbedingungen, denen die Universitäten unterliegen, nicht unbedingt immer leicht gemacht wird, wird oftmals übersehen. Wir werden daher in den laufenden Budgetverhandlungen um entsprechende Finanzmittel kämpfen!(Heidi Aichinger/DER STANDARD, 24.1.2009)

Zur Person:

Arthur Mettinger ist seit 2000 Vize-rektor für Entwicklung der Lehre und Internationalisierung an der Universität Wien. Er absolvierte die Studien der Anglistik, Slawistik und Sinologie an der Universität Wien, promovierte 1989 zum Dr. phil. sub auspiciis praesidentis rei publicae an der Universität Wien und habilitierte sich für englische Sprachwissenschaft.

  • In Fragen der Lehre und Lehrentwicklung sei die Universität Wien auf einem guten Weg, sagt Vizerektor Mettinger
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    In Fragen der Lehre und Lehrentwicklung sei die Universität Wien auf einem guten Weg, sagt Vizerektor Mettinger

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