Kammerspiel der Selbstfindung

25. Jänner 2009, 20:48
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Premiere von Ernst Kreneks Oper "Kehraus um St. Stephan" an der Wiener Volksoper: Regisseur Michael Scheidl erzählt unaufgeregte Geschichten von Identitätssuche

Wien - Würde man diese Oper gleichsam zerlegen, beraubte man sie etwa ihrer Musik, sie wäre natürlich nicht mehr das, was ihr Erfinder, Ernst Krenek, 1930 im Sinne hatte. Funktionieren würde das Verbliebene, also das Libretto von Kehraus um St. Stephan, dennoch - als theatral sensibel gedachtes und abendfüllendes Epochendokument. Und es würde womöglich noch deutlicher zum Vorschein kommen, wie subtil hier Charaktere von Krenek modelliert wurden, die allesamt das Bewusstsein von Krieg und einer untergegangenen Welt (samt ungewisser Zukunft) schmerzlich teilen; und wie unangestrengt die langsame Annäherung der Figuren in diesen schnappschussartig angelegten 19 Szenen komponiert wurde.

Mit Kitsch haben die Wiederbegegnungen der hier Porträtierten nichts zu tun. Bei Krenek sind alle Figuren aus der Bahn Geworfene, die in politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen neue Stabilität suchen - nach dem Ende der Monarchie, in der Wirtschaftkrise.

Regisseur Michael Scheidl erzählt deren Geschichten präzise und unaufgeregt. In einem düsteren Einheitsambiente (Bühnenbild: Nora Scheidl), das man als optische Entsprechung zum kollektiven Bewusstsein der Figuren sehen kann, wechseln auch die einzelnen Szenen, also Milieuschilderungen, an der Wiener Volksoper (die diese Krenek-Version zusammen mit den Bregenzer Festspielen produziert hat) in einem angemessen flotten Tempo. Was den Erzählfluss unterstützt.

Das scheint wesentlich - schließlich dominiert hier die melancholische Grundstimmung eines Kammerspiels. Sie wird natürlich etwa in der Heurigenszene oder im Miss-Wahl-Finale durch kollektive Turbulenzen unterbrochen. Das Zentrale jedoch bleibt hier der differenzierte Umgang mit dem Einzelnen und dessen Seelenzustand.

Da wären der vom Selbstmord bewahrte Rittmeister Brandstetter, dessen Verlorenheit Roman Sadnik profund aufzeigt (im Vokalen ist er etwas unsicher) und die ihm letztlich doch zugetane Ex-Gräfin (solide Elisabeth Flechl). Da wären der Weinbauer Kundrather (profund Albert Pesendorfer), dessen seine politische Meinung verkaufender Sohn (glänzend Christian Drescher) oder die quirrlige Tochter Maria (Simona Eisinger). Zudem der sich schließlich erschießende Industrielle Alfred (tadellos Sebastian Holecek), dessen Unternehmen durch eine Intrige vernichtet wird.

Und da wäre jener, der sie eingefädelt hat, der Journalist Fekete (intensiv Michael Kraus), der von einem Arbeiter erschlagen wird.

Dem Ganzen gewährt das Volksopernorchester solide Assistenz, Dirigent Gerrit Prießnitz lässt das Schillernde und Stilflexible dieser Musik passabel erwecken. Mitunter etwas mehr Dringlichkeit und Schärfe hätte nicht geschadet.

Es hätte auch besser zur Bühnenästhetik gepasst, die Scheidl gewählt hat und die auch dem Tod immer wieder Auftritte verschafft. Auch als Vorbote jener nahenden Katastrophe, deren volles Ausmaß auch Krenek 1930 wohl nicht erfassen konnte. Auch wenn er die Nazi-Vorboten schon zu spüren bekam, auch durch die schließlich nicht zustandegekommen Uraufführung dieser Oper, die nun lange im Repertoire verbleiben möge. (Ljubisa Tosic, DER STANDARD/Printausgabe, 26.01.2009)

 

Vorstellungen:
26., 29. Jänner; 12. Februar, 19.00

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    Der Tod und der Wirt (Albert Pesendorfer): Kreneks Oper "Kehraus um St. Stephan" als düstere Charakter-studie der Zwischenkriegszeit.

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