Herr Faust spielt Bankrott

25. Jänner 2009, 20:41
3 Postings

Famoses "Faust"-Gastspiel des Deutschen Theaters Berlin im Wiener Burgtheater

Wien - Der Deutschen liebster Gelehrter (Ingo Hülsmann) steht seitlich zum Publikum und blickt schweigend hinter das Portal des Burgtheaters. Hinter ihm ziehen in gleichförmigem Tempo die pechschwarzen Lamellen einer Zylindertrommel vorüber. Herr Faust, dieser viel bemühte Kronzeuge einer spezifisch deutschen Lebenssinnsuche, balanciert nach entbehrungsreichen Jahren der Wissensaufbereitung auf dem Hochseil des Irre-Seins. Er dreht sich herüber zum Publikum. Er übt keine Rücksicht, sondern er begräbt die Zeugen seiner Misere sätzespuckend und gliederreißend unter einem Wust von Zitaten.

Deutsche Gemütsdämmerstunden, so erzählt es diese messerscharfe "Faust"-Analyse aus dem Deutschen Theater Berlin, sind auch Gymnastikübungen: Faust, ein schon grauer Tugendterrorist, dem das Hemd aus der Hose hängt, ist ein älterer Bruder im Geiste der RAF-Terroristen. Seine Art, sich der Allgemeinheit mitzuteilen, besteht im Ausstreuen von Kommuniqués und Verlautbarungen. Man kann ihn sich gut als Kassiber-Schreiber vorstellen, als grollenden, vom Inlandsgeheimdienst abgehörten Denker in Stammheim.

Johann Wolfgang Goethes erster "Faust" schien - nach der notwendig gewordenen Absage der Jürgen-Gosch-Inszenierung in der ausklingenden Ära Klaus Bachlers - am Kommen verhindert. Nun behilft sich die Burg mit "Faust"-Einkäufen, ehe Matthias Hartman im Herbst mit der schönsten Mitgift der Klassik an alle Bürgerhaushalte seine Visitenkarte legt.

Und Thalheimers gewohnt verknappende Meditation über einen "unmöglichen" Stoff bietet einen prächtig irritierenden Auftakt. Nachdem Hülsmann - nach einer kläglichen Näheerfahrung mit dem heftig beschworenen Weltgeist - seine Arme und Beine wie zur Bildung eines Buchstabens auseinandergerissen hat, macht er auch schon die Bekanntschaft von Studiergenossen und Mitverschworenen. Wagner erscheint als ältliches Männlein im Pullunder. Vollends Mephisto (Sven Lehmann) ist die unansehnlichste Spende der deutschen ethischen Wissenschaften an ihren zerknirschtesten Schüler: Ein Männlein im Schlabberlook, das sich in die Arme des Deklamierenden ungefragt hineinschmiegt und die vielen, schönen Sätze eines wahrhaft teuflischen Zynikers achtlos beiseite spricht.

Staat ist mit diesem "Faust" keiner zu machen. Auch eine Verschickung an theosophische Erbauungskreise scheint wenig angeraten. Aber "Faust" ist eben nicht nur ein Held, sondern ebenso gut das Produkt eines Verdampfungsprozesses: ein Kind mithin der alle Glaubensgewissheiten zuschanden machenden Aufklärung.

Spätestens mit der tollkühnen Ausnüchterung der Gretchen-Tragödie ist Thalheimer ein Wagestück gelungen, das ihm - und seiner Margarete (Regine Zimmermann) - erst einmal jemand nachmachen muss. Ein bis zur Bockigkeit sprödes Mädchen trägt ihr Innenleben wie unter einer Emailleschicht verborgen. Zimmermann, bleich und nüchtern konzentriert, versammelt die Brocken und "Ansichten" ihres misslingenden Lebens rund um ihre Schlafstätte. Die Trommel (Bühne: Olfa Altmann) hat sich geöffnet; ein einfaches Eisenbett steht vor dem Lamellenzaun, auf dem, unerreichbar für jede Schutzsuchende, ein verschiebbares Kruzifix prangt.

Gretchen fragt ihren Heinrich fünf Mal, wie er es mit der Religion zu halten pflege: verbindlich erst, dann mit dem Fuß voller Ungeduld aufstampfend. Fausts ausweichende Suada gerät dem an so viel weiblichem Eigensinn zerbrechenden Neurotiker zur Parade typisch deutscher, idealistischer Thesenpflückerei.

Thalheimer, dessen so famose wie polemische Neudeutung bereits vor Jahren in Berlin Premiere hatte, lässt kein gutes Haar am Wähnen des unter der Schwere der Weltweisheit zusammenbrechenden Mannes. Herr Faust ist bankrott. Diese wenig erhebende Botschaft betrifft uns womöglich alle. Das Publikum bedachte die Gäste mit überaus freundlichem Beifall. (Ronald Pohl, DER STANDARD/Printausgabe, 26.01.2008)

Share if you care.