Flinke Zunge, lahme Floskeln

25. Jänner 2009, 19:41
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Dass der Raiffeisen-Lagerhaus-Angestellte auf Tom Cruise treffen kann, ist Teil des Erfolgs der Show

Nein, am Samstagabend "Wetten, dass ...?" zu schauen ist keine ganz sinnlose Tätigkeit. Das schlechte Gewissen produktiver Geister beim Fernsehen relativiert sich nämlich maßlos angesichts der lange trainierten Fähigkeiten der Wettkandidaten: Kommunikation per Ohrenwackeln, auf allen Vieren laufen, mit Zunge Süßstofftabletten aus gespannten Mausefallen holen und - Schenkelklopfer - Tierkot am Geruch bestimmen.

Dass hier der Raiffeisen-Lagerhaus-Angestellte, der mit flinker Zunge Mausefallen besiegt, auf Tom Cruise treffen kann, der mit lahmen Floskeln seine millionenschwere Stauffenberg-Darstellung promotet, mag Teil des fortwährenden Erfolgs der Show sein. Music Acts, die den nächsten Einheitsschlager dudeln (Coldplay) oder einen x-beliebigen Saurier aus der Versenkung holen (Peter Maffay), ein schon etwas ermüdeter Thomas Gottschalk, der abgeschmacktes Blabla zu aktuellen Themen (Obama: Cruise hat Hoffnung) oder zu transatlantischen Differenzen (USA locker, Deutschland steif) koordiniert, nagen aber am Unterhaltungswert. Immer wieder auf die Konkurrenz der Dschungelshow "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" hinzuhauen, bei der auf RTL zur selben Sendezeit die 77-jährige Ingrid van Bergen siegte, schien angesichts der eigenen Performance überheblich. "Wetten, dass ...?" bekommt auch keinen Innovationspreis.

Das Spektakel wirkt mittlerweile betulich und antiquiert. Als es noch aufregend war, weltweite Unterhaltungsindustrie ins kleinbürgerliche Wohnzimmer zu holen, war "Wetten, dass ...?" die große Show. In Zeiten fortgeschrittener Globalisierung gerät sie eher zur provinziellen Posse. Da hilft auch Tom Cruise, der selbst schon mehr Glamour ausstrahlte, nicht mehr aus. (Alois Pumhösel/DER STANDARD; Printausgabe, 26.1.2009)

 

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    Tom Cruise bei Thomas Gottschalk.

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