Mexiko mutiert zum Drogenstaat

25. Jänner 2009, 19:12
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Santiago Meza López soll 300 Leichen in Ätznatron aufgelöst haben soll - Die Drogenbosse haben das Land längst im Griff

Mit der Verhaftung von Santiago Meza López, der 300 Leichen in Säure aufgelöst haben soll, hat Mexikos Polizei am Wochenende ein besonders grauenhaftes Kapitel im Krieg der Drogenbosse aufgedeckt. Doch die haben das Land längst selbst im Griff.

"Pozolero del Teo" wird er genannt, "Theos Suppenkoch", ein Name wie aus einem schlechten Film. Aber Santiago Meza López hat ein ebenso grauenhaftes wie reales Werk verrichtet, so weiß es die Presse in Mexiko, und so sagt es die Polizei. Mehr als 300 Leichen hat der 45-Jährige in den vergangenen zehn Jahren verschwinden lassen, alles Opfer im Krieg, den die mexikanischen Drogenkartelle untereinander führen und gegen jene in Polizei, Armee und Verwaltung, die es wagen, sich gegen sie zu stellen.

Meza López, der vergangenen Freitag in Tijuana, im Norden Mexikos, von der Polizei vorgeführt worden war, redete nicht lange herum: 600 Dollar in der Woche, umgerechnet 460 Euro, habe er von seinem Boss Eduardo García Simental alias "El Teo" bekommen und dafür die Leichen in Ätznatron aufgelöst. Am Wochenende gruben die Ermittler auf einem Grundstück in der Nähe von Tijuana und fanden offenbar ein System unterirdischer Becken. Mindestens 30 Leichen dürften dort aufgelöst worden sein, so schätzt die Polizei. Die Säure lässt nur die Zähne übrig. "Ich bitte die Familien dieser Menschen um Verzeihung", sagte Meza López.

Plastiktüten mit den Köpfen enthaupteter Militärs am Straßenrand, Erpresserbriefe an den Schultoren von Ciudad Juarez mit der Drohung, Schüler zu entführen, wenn die Lehrer nicht einen Teil ihres Gehalts an die Kriminellen abgeben, und Schießereien in Tijuana. Erst kürzlich wurden mehrere ranghohe Drogenfahnder festgenommen, weil sie im Sold der Kartelle standen – darunter der ehemalige Interpol-Chef und der frühere Chef der Antidrogenbehörde. Jeden Tag verkünden die Medien neue Hiobsbotschaften. Jeden Tag sinkt das Vertrauen der Mexikaner in ihre Institutionen tiefer. Für viele Experten ist Mexiko längst ein Drogenstaat wie einst Kolumbien, oder bereits auf dem Weg zu einem "failed state", einem vom Verbrechen unterwanderten, nicht mehr funktionierenden Staat wie Haiti.

Ein Krebsgeschwür

Präsident Felipe Calderón macht seine Vorgänger für den Zustand verantwortlich und hat bei seinem Amtsantritt vor zwei Jahren der Drogenmafia den Kampf angesagt. Wie ein Krebsgeschwür habe sich die Drogenkriminalität in Mexiko ausgebreitet, erklärte Calderón. Der Zustand "des Patienten" sei ernster als befürchtet. Jahrelang fand die Unterwanderung im Stillen statt. Die sieben größeren Kartelle breiteten ihren Machtbereich vor allem durch Korruption von Funktionären aus – und gelangten offenbar bis in höchste Sphären der Regierung.

Nun aber findet ein regelrechter Krieg statt. Nicht nur, weil Calderón 36.000 Soldaten an die Narco-Front geschickt hat, sondern auch, weil sich die Kartelle untereinander bekriegen um Einflusssphären und neue Routen. Nach der Zerschlagung der kolumbianischen Kartelle streiten mexikanische Bosse um deren Marktanteile. Und dabei geht es äußerst brutal zu. Alleine im Vorjahr kamen etwa 5600 Menschen im Zusammenhang mit dem Drogenkrieg ums Leben

Auf der Strecke bleibt auch der Rechtsstaat. Nach Aussagen der gefassten Drogenpatin Sandra Aviles Beltran stehen hunderte von Bürgermeistern und Gemeinderäten im Sold der Kartelle. Polizisten, die im Schnitt rund 350 Euro monatlich verdienen, werden von den Kartellen vor die Alternative "Blei oder Geld" gestellt und laufen scharenweise zu den Verbrecherbanden über. Die Justiz ist bis an die Spitzen unterwandert. Die Killerkommandos der Drogenkartelle sind den Sicherheitskräften in Technologie und Ausbildung weit überlegen. Die Bürger sind eingeschüchtert und schweigen lieber, als zweifelhafte Behörden einzuschalten.

Hilfe aus den USA

Calderón hofft, dass es ihm mit finanzieller und logistischer Unterstützung der USA gelingt, die Kartelle zu zerschlagen. Erste Erfolge kann er bereits vorweisen, wichtige Bosse und Mittelsmänner wurden festgenommen. Doch so lange die Nachfrage in den USA und Europa weiter besteht, so lange lohnt sich das Geschäft. Wird eine Route entdeckt, entwickeln die Kartelle eine nächste, fällt ein Drogenboss, tritt ein jüngerer, meist noch skrupelloserer an seine Stelle. Mexiko bietet seinen Jugendlichen kaum ordentliche Arbeitsplätze oder berufliche Aufstiegschancen – da lockt das schnelle Geld aus dem Drogenhandel.

Immerhin sind jetzt ungewohnte Vorschläge zu hören, die für Aufruhr sorgen. Linke Politiker fordern eine Legalisierung der Drogen, andere schlagen einen "Pakt" vor zwischen Regierung und Kartellen nach dem Vorbild von Kolumbien, wo Präsident Alvaro Uribe die Paramilitärs mit einem "Friedensangebot" aus dem Drogengeschäft locken und das Niveau der Gewalt deutlich senken konnte.

Die Kirche plädiert gar für die Rekrutierung von Doppelagenten in den Reihen der Kartelle. Aber auch die Hardliner bringen sich in Stellung, etwa mit der Forderung nach Einführung der Todesstrafe. Währenddessen steigt der Drogenkonsum unter Mexikos Jugendlichen ständig an. Offiziellen Zahlen zufolge sind 307.000 Mexikaner drogenabhängig; vor fünf Jahren war es gerade einmal die Hälfte. Es gibt daher wenig Hoffnung, dass dieses Jahr friedlicher wird für die Mexikaner. "Die Regierung setzt auf Repression statt Prävention, daher wird die Gewalt noch zunehmen", prophezeit Jose Luis Pineyro von der Staatlichen Universität (Unam). 13 Menschen sind am Wochenende allein in Chihuahua erschossen worden. (Sandra Weiss aus Mexiko-Stadt, DER STANDARD; Printaugsabe, 26.1.2009)

Nachlese
Drogenkartell ließ Mordopfer in Säure auflösen – "Suppenkoch" gestand Verschwindenlassen von dreihundert Toten – "Sie brachten mir die Leichen und ich habe sie entsorgt"

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    Meza López alias "Der Suppenkoch": Er soll mehr als 300 Leichen ermordeter Rivalen im Drogengeschäft in Säure auf- gelöst haben.

  • Fokus Mexiko: Drogenkartelle, Schmuggelwege, Grenzschutzpläne
    grafik: der standard

    Fokus Mexiko: Drogenkartelle, Schmuggelwege, Grenzschutzpläne

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