Bruners Ablöse: Streitkultur am Boden

25. Jänner 2009, 18:32
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Kaum zu glauben, dass Teile der sogenannten Academic Community so weit heruntergekommen sind - Von Elsa Hackl

Die Ablöse der Boku-Rektorin Ingela Bruner war ein bizarres Schauspiel, das Mängel am Universitätsrecht aufgezeigt hat. Reformen wären dringlich, ob sie aber in solcher Kulturlosigkeit eine Chance haben?
Der Begriff "Kultur" ist weit und unpräzis - wer was darunter versteht, hängt von den jeweiligen Herrschaftsverhältnissen und deren Definition ab. Zu eng scheint er gegenwärtig an der Universität für Bodenkultur interpretiert zu werden, nämlich auf die Pflege des Bodens beschränkt. Wie sonst ist es zu erklären, dass die Auflösung des Arbeitsvertrages der Rektorin von derartig grotesken und menschenverachtenden Umständen begleitet ist?
Man muss die beteiligten Personen und ihre Arbeitsbedingungen gar nicht näher kennen, um sich ein Urteil zu bilden - allein das Prozedere spricht für sich: Ein anonymes Schreiben wird in Umlauf gesetzt und dient als Katalysator für Unzufriedenheiten und die Auflösung eines Dienstvertrages.

Kaum zu glauben, dass Teile der sogenannten Academic Community so weit heruntergekommen sind, dass sie sich nicht einmal mehr getrauen, ihre Namen unter ihre Texte zusetzen. Ein Grund, Abstand von der Übernahme der Verantwortung für das Schreiben zu übernehmen, mag vielleicht darin liegen, dass die darin formulierten Vorwürfe zwar schwer, aber für ein Abberufungsverfahren zu allgemein waren. Statt aber die Vorwürfe zu konkretisieren, haben manche Entscheidungsträger eine andere Strategie eingeschlagen, nämlich das angebliche Versagen Ingela Bruners nicht mit deren Taten respektive Untätigkeiten zu belegen, sondern die Rektorin als Opfer ihrer Krankheit hinzustellen.
Es mag schon sein, dass sie es gut meinten, vermutlich weil sie selbst weniger Scham davor haben, schwach oder dumm dazustehen, als begangene Fehler offen einzugestehen und die Konsequenzen zu tragen. Dieses bauernschlaue Schamempfinden hat zwar in Österreich eine gewisse Tradition, war aber zum Glück bisher nicht gerade ein bestimmendes Merkmal unseres Kulturverständnisses.

Neben dem Prozedere gibt aber noch etwas zu denken: die teilweise geradezu erschütternden Leserkommentare in den Zeitungen. Es ist angesichts des Themas wohl davon auszugehen, dass die Kommentatoren aus einer Schicht stammen, die vormals als die "kulturelle" oder "bildungsbürgerliche" bezeichnet wurde. Dessen ungeachtet sind viele dieser Briefe an Dumm- und Derbheit kaum zu übertreffen. Es widerstrebt mir, sie - auch nur auszugsweise - zu zitieren. Dabei sind jene noch am harmlosesten, deren Verfasser offenbar der Meinung sind, eine Frau könne eine Universität nur in den Ruin führen. - Obwohl an die 2000 Jahre lang fast ausschließlich Männer diesbezüglich mit "gutem" Beispiel vorangegangen sind!

Vergangenes Jahr wurde viel über eine Novelle des UG02 gesprochen - aber leider wenig nachgedacht. Dabei stand die Kompetenzverteilung Universitätsrat-Rektor-Senat im Vordergrund, wohl weil die Politik hier Reibeflächen und Unklarheiten erkannte. Der damalige Reformansatz zielte bekanntlich auf einen Abbau der Kompetenzen des Senats zugunsten einer Aufwertung von Universitätsrat und Rektoren.
Ich teile diesen Ansatz nicht, auch nicht nach dem unrühmlichen Agieren des Boku-Senats. Zu unklar ist die Rolle der Uni-Räte, noch weniger Wissen liegt über ihr faktisches Wirken vor. Sind sie Vertreter der Eigentümer, irgendwelcher Stakeholders, "buffer institutions" , dienen sie der Entpolitisierung? Und wie steht es um den Machtspielraum der Rektoren, dem faktischen Zugang zum Amt? Brachte die neue Uni-Leitungsstruktur tatsächlich mehr Transparenz und die Abkoppelung von politischer Einflussnahme?

Wie dem auch sei: Nicht nur der rezente Fall an der Boku-Universität für Bodenkultur zeigt, dass das UG02, nur weil es beschlossen ist, nicht auch schon dem Geist seiner Schöpfer folgen muss oder dass diese von jenem ausreichend bei der Umsetzung ihres Reformwerks geleitet waren. Vielleicht wäre nun Nachdenken über die Mängel im Universitätsrecht angebracht.

Angesichts der beschriebenen Unkultur im Fall Bruner stellt sich allerdings auch die Frage, ob Rationalität und Menschlichkeit in den universitären Führungsgremien noch eine Chance haben.
Könnte es sein, dass uns die sogenannten Entrepreneurial Skills zwar in die materielle Krise gestürzt, ihre Werte aber immer noch als die "einzig wahren" zu gelten haben?  (Elsa Hackl/DER STANDARD-Printausgabe, 26. Jänner 2009)

Die Autorin lehrt Politikwissenschaft an der Universität Wien.

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