"Wollen nicht Gefängnisinsel werden"

25. Jänner 2009, 18:23
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Nach schweren Auseinandersetzungen hat sich die Lage entspannt - Die Bewohner wollen allerdings weiter gegen zweites Flüchtlingslager kämpfen

Über Jahrzehnte fühlten sich die Bewohner von Lampedusa vom Staat verlassen. Jetzt klagen sie über die Bevormundung aus dem fernen Rom. Bürgermeister Bernardino De Rubeis erklärte den für Immigrationsfragen zuständigen Präfekten Mario Morcone am Wochenende zur "unerwünschten Person".

Mit einem Generalstreik und einer Kundgebung protestierten aufgebrachte Bewohner gegen den Beschluss der Regierung, auf der Insel ein zweites Flüchtlingslager zu errichten. Es soll auf dem Gelände des ehemaligen US-Stützpunkts entstehen und der Identifikation und Abschiebung unerwünschter Migranten dienen. "Lampedusa ist kein Alcatraz", lautete der Slogan des Bürgermeisters Bernardino De Rubeis.

Bei einer Protestkundgebung vor dem Rathaus kam es zu tätlichen Auseinandersetzungen zwischen erregten Bewohnern und der Polizei. "Wir wollen nicht zur Gefängnisinsel verkommen", klagte der Bürgermeister, der Innenminister Roberto Maroni als "Lügner" bezeichnete.

Während der Kundgebung konnten über 1000 Lagerinsassen die Absperrung überwinden und - "libertà, libertà"-rufend - bis zum Rathaus marschieren. Die Polizei griff nicht ein, um Auseinandersetzungen zu vermeiden. Gegen Abend machten Dutzende Inselbewohner mit Geländewagen Jagd auf Migranten - "Blade-Runner-Szenen, die uns weder als demokratischen noch als europäischen Staat ausweisen", so die Tageszeitung La Stampa. Am Sonntag musste die der Lega-Nord angehörende Vizebürgermeisterin bei einer Kundgebung von der Polizei geschützt werden. Für Dienstag wurde ein neuer Generalstreik anberaumt. Premier Silvio Berlusconi versicherte, die Lage auf der Insel sei "unter Kontrolle". Es habe sich nicht um einen Massenausbruch gehandelt, da sich die Insassen des Lagers "ungehindert bewegen" könnten: "Das ist kein Konzentrationslager", sagte der Regierungschef. Es stehe den illegalen Einwanderern in dem Lager frei, jederzeit "ein Bier trinken zu gehen".

Diese Darstellung wurde vom UNO-Flüchtlingshilfswerk als "unwahr" bezeichnet. Eine Delegation der oppositionellen Partito Democratico, die das Auffanglager am Wochenende besuchte und entsprechende Bilder ins Internet stellte, bezeichnete die dort herrschenden Zustände als "haarsträubend und explosiv."

"Südamerikanische Praxis"

In dem überfüllten Lager halten sich derzeit 1300 Flüchtlinge auf. Von 800 Asylanträgen wurden 377 angenommen. Innenminister Maroni, der am Dienstag in Tunis die Abschiebung von 1100 tunesischen Einwanderern erreichen will, warf der Linken "Aufhetzung der Migranten" vor.

Der Lega-Politiker, dessen Partei den Bürgern mehr Sicherheit versprochen hatte, steht nicht nur in Sachen Immigration unter Druck. Nach einer Serie brutaler Vergewaltigungen muss sich die Regierung massive Vorwürfe gefallen lassen, ihr Wahlversprechen nicht gehalten zu haben. Premier Silvio Berlusconi kündigte am Samstag die "Verzehnfachung" der Militärpatrouillen in den Städten an - eine Maßnahme, die von den Polizeigewerkschaften als "unnütz und sinnlos" bezeichnet wird. Es handle sich um eine "längst überholte südamerikanische Praxis, die zur Bekämpfung der Kriminalität untauglich" sei.

Ähnlich reagierte am Sonntag ein Leser auf der Webseite der Tageszeitung La Repubblica: "Ich war immer davon überzeugt, in Italien zu leben. Jetzt stelle ich plötzlich fest, dass ich in Lateinamerika wohne."  (Gerhard Mumelter, DER STANDARD; Printausgabe, 25.1.2009)

 

 

  • Im überfüllten Lager auf Lampedusa halten sich derzeit 1300 Flüchtlinge auf. NGOs und italienische Opposition bezeichnen die Zustände als "haarsträubend und explosiv".

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