Medikament als "Gehstock"

25. Jänner 2009, 17:56
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Streit um Mengensteigerung bei Psychopharmaka-Verschreibungen für Kinder

Wien - Geradezu "erschreckend" sei der Zuwachs bei der Verschreibung von Psychopharmaka, hatte der ehemalige Vorstandschef des Hauptverbandes, Erich Laminger, kürzlich im Gespräch mit dem Standard erklärt. Laut den Zahlen des Hauptverbandes lag die Mengensteigerung allein bei den Zehn- bis 14-Jährigen zwischen 2004 und 2007 bei 56,3 Prozent, höher ist sie nur bei den 65- bis 69-Jährigen (58,5 Prozent) und bei den über 85-Jährigen (69,8 Prozent). Angesichts des großen Einsatzes von Psychopharmaka bei Jugendlichen müsse sich die Gesellschaft fragen, was da los sei, konstatierte er.

Charlotte Hartl, Fachgruppenobfrau der Kinder- und Jugendpsychiater der Ärztekammer, relativiert diese Zahlen: Genau in der Zeit von 2004 bis 2007 habe man in Österreich erst begonnen, eine psychiatrische Versorgung für Kinder und Jugendliche aufzubauen. "Wenn ein neuer Arzt eine Stelle bekommt und ein Medikament verschreibt, dann ist das eine Steigerung um 100 Prozent." Im Grunde sei diese Entwicklung eher erfreulich, meint sie: "Man müsste das umdrehen und sagen, wir stehen am Anfang der Betreuung, sind aber im internationalen Kontext noch unendlich weit entfernt davon, was wir brauchen." Lamingers Kritik versteht sie daher gar nicht.

Im Vergleich zu Deutschland hinkt Österreich deutlich hinterher: "Dort kommt ein Facharzt auf 80.000 Einwohner" , erklärt Hartl, die als niedergelassene Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Purkersdorf arbeitet, im Standard-Gespräch. "In Österreich hingegen gibt es gerade einmal eine Kassenärtzin und ein jugendpsychiatrisches Ambulatorium in Wien, zwei Kassen-Pilotprojekte in Niederösterreich und einen Facharzt in Vorarlberg."
Wegen der bloßen Angst vor Schularbeiten bekomme in Österreich trotzdem kein Kind Medikamente verschrieben. "Vor der medikamentösen Behandlung gibt es eine genaue Diagnose" , erklärt Hartl. Außerdem würden die Psychopharmaka stets mit einer Therapie gekoppelt: "Das Medikament ist wie ein Gehstock."

Das häufigste Krankenbild ist laut der Ärztin das "Aufmerksamkeits-Defizit/Hyperaktivitäts-Syndrom" (ADHS), landläufig auch als "Zappelphilipp-Phänomen" bezeichnet. Zudem gibt es schon bei Kindern und Jugendlichen Depressionen und Psychosen. Zahlenmäßig erfasst sind diese Symptome in Österreich nicht. In Deutschland haben zwölf bis 18 Prozent der Kinder bis zum 18. Lebensjahr eine "auffällige" Phase, wie Hartl sagt. "Dafür bräuchte es eine umfassende fachärztliche Versorgung, und die haben wir - noch - nicht." (Andrea Heigl/DER STANDARD-Printausgabe, 26. Jänner 2009)

 

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